1. Nephi 6:3 – Die Dinge Gottes

1Ne 6:3 Und es ist für mich nicht von Bedeutung, dass ich genau darin bin, einen vollständigen Bericht von all den Dingen meines Vaters zu geben, denn sie können auf diese Platten nicht geschrieben werden, denn ich begehre den Platz, sodass ich die Dinge Gottes schreiben kann.

Kommentar

Text

John W. Welch stellt hier keine literarische Struktur fest, und im Deutschen der aktuellen Ausgabe ist ebenso keine Struktur erkennbar. Ich bin hier jedoch anderer Meinung:

Und es ist für mich nicht von Bedeutung, dass ich genau darin bin,

A einen vollständigen Bericht von all den Dingen meines Vaters zu geben, …B denn sie können auf diese Platten nicht geschrieben werden, …B denn ich begehre den Platz, A sodass ich die Dinge Gottes schreiben kann.

Nephi kontrastiert hier die Dinge meines Vaters mit denen seines Himmlischen Vaters.

Inhalt

Nephi macht hier deutlich, wozu er schreibt. Es geht ihm nicht um Geschichte als Geschichte. Er schreibt nicht Tagebuch oder einen säkularen Geschichtsbericht (die Dinge seines Vaters). Die geschichtlichen Fakten bilden nur den Rahmen für die Botschaft, die er transportieren will: Die Dinge Gottes.

Es geht also Nephi nicht darum, die Geschichte seiner Familie möglichst objektiv und vollständig zu schildern, sondern er zeigt an der Geschichte seiner Familie, wie er Gott erlebt und kennt. Dies nennt man auch eine narrative Theologie.

Dies ist ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Mormonismus und anderen christlichen Kirchen. Diese haben einen geschlossenen Kanon an Heiligen Schriften, daher kann neue Erkenntnis über Gott nicht durch Offenbarung erworben werden, sondern ausschließlich durch immer bessere und genauere Analyse der Heiligen Schrift. Diese führen zu Glaubensbekenntnissen. Aus der Analyse erarbeitet man dann einzelne Prämissen. Diese führen  dann zu einer logischen Schlussfolgerung. Die Summe der Schlussfolgerungen ergeben eine Systematische Theologie. Auf Basis dieser systematischen Theologie wird dann, zum weiteren Erkenntnisgewinn, eine Religionsphilosophie aufgebaut. Gott ist dann der „Eine unter den Vielen“, der „Unbewegte Beweger“ und ähnliches.

Zu der Zeit, als Heilige Schrift geschrieben wurde, sei es die Bibel oder das Buch Mormon, war offensichtlich die Offenbarung Gottes nicht abgeschlossen. Daher sind auch nicht Logik und Analyse die in den Heiligen Schriften verwendeten Mittel, um Aussagen über Gott zu machen, sondern Geschichten. Gott ist daher derjenige, der Moses im brennenden Dornbusch erschienen ist, der uns aus Ägypten geführt hat, der uns Seinen Sohn geschickt hat. Denn die Offenbarung Gottes ist ja nicht abgeschlossen. Unser Erkennen und unser Prophezeien ist, wie Paulus im 1.Korinther 13:9 sagt, Stückwerk. Mit anderen Worten: Ein Puzzle, bei dem wir das vollständige Bild nicht kennen, nicht alle Teile haben und keine Ahnung haben, was noch fehlt.

Um das Puzzle legen zu können, müssen wir Annehmen darüber treffen, wie das ganze Bild sein wird, aber auch wie die Teile miteinander in Beziehung stehen. Diese Annahmen können dann durch weitere Offenbarung erhärtet werden, oder sie werden verneint. Damit ist aber die Analyse und das Schlußfolgern nicht verlässlich.

Die Erlebnisse mit Gott jedoch schon. Da Mormonen nicht an einen abgeschlossenen Kanon glauben, betreiben wir auch heute noch hauptsächlich narrative Theologie. Besonders gut zeigt sich das auch immer wieder an den Geschichten, die Präsident Thomas S. Monson zur Basis seiner Botschaften in den Generalkonferenzen macht.