1 Nephi 5:10

1Ne 5:10 Und nachdem sie dem Gott Israels gedankt hatten, nahm mein Vater Lehi die Aufzeichnungen, die auf den Messingplatten graviert waren, und er durchsuchte sie von Anfang an.

Kommentar

Sprachlich

Nahm mein Vater Lehi die Aufzeichnungen

Auf englisch und auf deutsch würde man die Platten mit den Aufzeichnungen nehmen, aber in Althebräisch ist die Formulierung, wie sie das Buch Mormon wiedergibt, korrekt.

Inhaltlich

Nephis Erzählungsstil

Wir sind hier am Ende der Expedition nach Jerusalem angelangt. Quer durch die Erzählung hat Nephi sich und Lehi mit Moses verglichen – und seine Brüder Laman und Lemuel mit dem murrenden, sündigen Volk Israel. Ebenso hat er sich mit Joseph verglichen – und seine Brüder als die mörderischen anderen Söhne Jakobs dargestellt.  Nephis Erzählung ist nicht objektiv und will das auch nicht sein. Er liefert eine Version der Geischichte, die zur Belehrung gedacht ist und dazu, Glauben an Christus zu erwirken. Er vereinfacht Charaktere, er kürzt ab und fügt Erläuterungen an. Es ist seine Geschichte. Später lesen wir ein Wenig davon, wie seine Brüder die Sache sahen, als ihre Nachkommen die Familiengeschichte wiedergaben: „Sie glaubten, sie seien wegen der Übeltaten ihrer Väter aus dem Land Jerusalem verjagt worden, und sie hätten in der Wildnis von ihren Brüdern Unrecht erlitten, und sie hätten auch während der Überquerung des Meeres Unrecht erlitten … sie sagten, er habe [die Messingplatten] geraubt.“ (Mosia 10:12,15,16)

Besonders interessant ist an Nephis Erzählung, was er auslässt. Die Großen Platten schreibt Nephi während oder kurz nach den Ereignissen, die er beschreibt. Diese Erzählung ging mit den 116 Seiten verloren. Gut 30 bis 40 Jahre nachdem die Familie Jerusalem verlassen hat (und wahrscheinlich 20 Jahre nach der Ankunft in Amerika – siehe 2Ne 5:28,34), lange nachdem sich die Nephiten von den Lamaniten getrennt haben, wird Nephi geboten, die Kleinen Platten zu verfassen, auf dem nicht die historischen Ereignisse, sondern die Prophezeihungen und Offenbarungen im Zentrum stehen sollten.

Es war für Nephi eine Möglichkeit, darüber nachzudenken, was zwischen ihm und seinen Brüdern schief gegangen ist, und warum. Wie waren aus der einen Familie, geführt von einem Propheten Gottes, die auf wunderbare Weise gerettet und gesegnet worden waren, innerhalb kurzer Zeit zwei Volksgruppen entstanden, die sich mit Krieg und Streit und Zerstörung begegneten (1Ne 19:4)? Offensichtlich griff Nephi auf seine erste Geschichte zurück, um die zweite zu schreiben. Was er auslässt, hilft uns seine Werte, seinen Charakter und seine Motivation besser zu verstehen.

An dieser Stelle in der Erzählung wird es besonders interessant. Erinnern wir uns: Nephi hat erst kurz vorher Laban geköpft und die Messingplatten entwendet. Und nun sind sie zurück. Offensichtlich mit einem neuen Mitglied der Reisegruppe, nämlich Zoram. Sicherlich hat das alles Fragen aufgeworfen. Fragen, die Nephi aus seiner Erzählung auslässt. Noch spannender ist jedoch, dass er Lehis Reaktion ebenso auslässt. Wir erwarten, dass Lehi entweder Nephi lobt und seine Handlungen rechtfertigt, oder dass er Nephi zurecht weist. Als Lehis Söhne Jerusalem verlassen, werden nur die Platten und Zoram erwähnt, nicht aber das Schwert Labans (von dem wir in 2 Ne 5:14 erfahren, dass Nephi es nach Amerika mitgenommen hat). Über die Rückreise erfahren wir nichts. Dann kommen die Brüder beim zelt Lehis an, und wir würden erwarten, dass Lehi irgendwas über den Tod Labans sagt, statt dessen lenkt Nephi unseren Blick auf Sariah, die Angst um ihre Söhne hatte. Als Bedrohung wird aber nicht Laban erwähnt – tatsächlich wird er totgeschwiegen -, sondern die Wildnis.

Drei Dinge sind hier auffällig:

1) Nephi unterbricht damit die Chronologie der Erzählung, indem er zu einer Zeit zurückgeht, als er und seine Brüder noch unterwegs waren.

2)  Er stellt seine Mutter als Zweiflerin dar, und ohne Hinweis darauf, wie lange sie wirklich fort waren, können wir nicht sagen, wie gerechtfertigt ihre Ängste waren.

3) Er gibt hier die Worte seiner Mutter als direkte Rede wieder. Abgesehen von zwei Stellen in diesem Kapitel lässt Nephi nirgends Frauen direkt zu Wort kommen. Kein einziges Mal. Es ist also etwas Besonderes. Alle drei Punkte wendet Nephi an, um unseren Blick davon weg zu bringen, dass Lehi eben nicht verkündet: „Alles ist wohl, Laban musste sterben.“ Lehis Antwort an Sariah, das Bekenntnis seines Glaubens, zeigt uns Nephi und seine Brüder als potentielle Opfer Labans, aus dessen Hand Gott sie befreit. Und seine Antwort ist bemerkenswert ähnlich dem, was Nephi in dem Zwiegespräch mit dem Geist über dem betrunkenen, ohnmächtigen Laban überlegt.

Sariah sieht ihre Kinder und ruft aus, „Nun weiß ich,… dass der Herr meine Söhne beschützt und aus den Händen Labans gerettet hat…“. Das klingt nicht nach einer Reaktion auf das, was tatsächlich in Jerusalem passiert ist.

Damit sind die Zweifel gelöst, das Gebot Gottes ist erfüllt, Gott sei Ehre. Über Laban braucht sich der Leser keine Gedanken mehr machen. Lehi kehrt dem Geschehenen den Rücken, erwähnt es nicht und liest in den Platten – allerdings erst nach einem Brandopfer, das, wie wir schon gesehen haben, ein Schuld- und Sühnopfer war.

Ja, Nephis Handlungen sind vollauf durch Geist und Gebot gedeckt, aber es war keine gedankenlose, selbstverständliche Tat. Lehi fühlt sich damit unwohl genug, um ein Opfer darzubringen, Nephi als Erzähler bemüht sich, zu zeigen, dass er rechtens gehandelt hat und lässt alles aus, was uns sehen lassen könnte, das an seinem handeln gezweifelt wurde. Nephi als Erzähler lässt eine Lücke und füllt sie geschickt mit einem Rückblick.

Es wäre einfach, Nephi als den Schurken dieser Geschichte zu sehen, vorallem, wenn man sein sprachliches Geschick und seinen Stil betrachtet. Für Nephi geht es aber nicht primär darum, sich als den Guten und seine Brüder als die Bösen zu präsentieren, sondern er will uns dazu führen, Gott, seine Macht und seine Gebote anzuerkennen und uns danach zu richten. Was er als Ablenkung von diesem Ziel sieht, das lässt er aus und umschifft er.

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Ein Gedanke zu “1 Nephi 5:10

  1. Bemerkenswerte Details. Es gab meiner Überzeugung keine Alternative zur Tötung Labans. Ich wäre auch zurückgeschreckt, aber der Geber des Lebens, darf es auch verkürzen, wenn er es für richtig hält. Keine Frage. Göttlich inspiriert handelnd tat Nephi das an sich Schreckliche, dass ihn das Gewissen nicht plagt beweist, dass er nur gehorsam war. Nephi trachtete Laban nicht nach dem Leben. Uns wäre es auch so gegangen.

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