1Nephi 4:38-5:2

1Ne 4:38 Und es begab sich, dass wir die Messingplatten und den Diener Labans nahmen und in die Wildnis fortgingen, und zum Zelt unseres Vaters reisten.

1Ne 5:1 Und es begab sich, dass nachdem wir hinunter in die Wildnis gekommen waren zu unserem Vater, siehe, er war erfüllt mit Freude, und auch meine Mutter, Sariah, war außerordentlich froh, denn sie hatte wahrlich wegen uns getrauert.

1Ne 5:2 Denn sie hatte angenommen, dass wir zugrunde gegangen waren in der Wildnis; und sie hatte auch gemurrt gegen meinen Vater, indem sie ihm sagte, dass er ein Mann mit Visionen sei, indem sie sprach: Siehe, Du hast uns herausgeführt vom Land unseres Erbteiles, und meine Söhne sind nicht mehr, und wir verderben in der Wildnis.

Kommentar

Text

Kein Kapitelende

In der Ausgabe von 1830 ist hier kein Kapitelende, und 1Ne 4:38 beginnt eine längere Parallelstruktur, die in 1Ne 5:6 endet. Der Mittelpunkt des Parallelismus ist in 1Nephi 5:4.

Buch Mormon, Messingplatten, Diener Labans, Zelt unseres Vaters

Im Englischen Original heißt es „Buch von Mormon“,  „Platten von Messing“, „Diener von Laban“ und „Zelt von unserem Vater“. Das ist auch für die Zeit von Joseph Smith keine gute englische Grammatik aber gute hebräische Grammatik.

Inhalt

Sariah – Frauen im Buch Nephi

Im Buch Mormon werden nur sehr wenige Frauen namentlich genannt. Insgesamt erwähnt Nephi mindestens neun Frauen, die mit in die Wildnis zogen: Sariah, Ischmaels Frau, Ischmaels 5 Töchter (von denen 4 die Söhne Lehis heiraten und eine Zoram) , möglicherweise 2 weitere Töchter Ischmaels, die schon vorher verheiratet waren. Dann noch seine eigenen Schwestern, aber wir wissen nicht, wieviele oder in welcher Geburtsreihenfolge.  Sorenson meint, da diese Töchter nicht erst in der Wildnis geboren waren, geht es sich nur aus, dass diese Töchter jünger waren als Nephi.

Nur von einer, seiner Mutter Sariah, nennt er uns den Namen.

Francine Bennion macht uns jedoch darauf aufmerksam, dass es für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich war, so wenig über Frauen zu schreiben. Im Gegenteil, es ist ungewöhnlich für die Zeit und das damalige Judentum, dass Frauen so oft erwähnt werden!( Francine Bennion, „Women and the Book of Mormon,“ in Women of Wisdom and Knowledge (Salt Lake City: Deseret Book, 1990), 177. Francine Bennion, „Women and the Book of Mormon,“ in Women of Wisdom and Knowledge (Salt Lake City: Deseret Book, 1990), 177.)

Wir erfahren hier Einblicke in Sariahs Leben in der Wildnis und ihre Ansichten, aber nur durch die Brille ihres Sohnes.

Sariahs Glaubenskrise

Sariah, die Frau eines wohlhabenden Mannes, verlässt aufgrund Lehis Problemen mit dem Establishment und seinen Träumen ihr Heim, eines der „besseren“ Häuser in Jerusalem (mehrere Räume für die Familie, Räume für Diener, Vorratsräume), das alle Annehmlichkeiten des damals modernen Lebens bot (WC im Wohnbereich, Dekoration, Töpfe, Geschirr, Metallkunstwerke. Es ist ihr eigenerMayer I. Gruber, „Private Life in Ancient Israel,“ in Civilizations of the Ancient Near East, ed. Jack M. Sasson (New York: Simon & Schuster Macmillan, 1995), 1:633; Martin Noth, The Old Testament World, trans. Victor I. Gruhn (London: Adam & Charles Black, 1966), 158–63 Mayer I. Gruber, „Private Life in Ancient Israel,“ in Civilizations of the Ancient Near East, ed. Jack M. Sasson (New York: Simon & Schuster Macmillan, 1995), 1:633; Martin Noth, The Old Testament World, trans. Victor I. Gruhn (London: Adam & Charles Black, 1966), 158–63 Herrschaftsbereich, wo sie über die Dienerschaft und alle weiblichen Mitglieder des Haushaltes herrscht, und den sie- im Gegensatz zu Lehi – nur selten verlässt (siehe Mayer I. Gruber, „Private Life in Ancient Israel,“ in Civilizations of the Ancient Near East, ed. Jack M. Sasson (New York: Simon & Schuster Macmillan, 1995), 1:633; Martin Noth, The Old Testament World, trans. Victor I. Gruhn (London: Adam & Charles Black, 1966), 158–63). Es ist wirklich ihr Lebensmittelpunkt, wogegen Lehi, möglicherweise ein Händler, wie Hugh Nibley annimmt, sowohl aus religiösen Gründen, aber auch aus beruflichen Gründen, weitaus weniger Zeit zuhause verbringt. Lehis Familie beschwert sich laufend darüber, dass er verrückt sei („Mann mit Visionen“), aber sie beschweren sich nie, dass er über das Nomadenleben keine Ahnung habe. Wir müssen daher davon ausgehen, dass er es gewohnt war, in einem Zelt in der Wüste zu leben. Sariah war das sicher nicht. Jeder camping-unerfahrene Städter, der einmal versucht, für ein paar Wochen im Zelt zu leben, ohne Supermarkt und Auto, wird verstehen, wie sich Sariah gefühlt hat.

Statt eines Lebens im zeitgemäßen Luxus, haben sie nur „Familie, Vorräte und Zelte“ mit. Vorräte damals waren für eine Reise durch die Wüste Weizen, Mehl, Hafer, getrocknete Sauermilch, Oliven, Sesam- oder Olivenöl, Datteln und ein paar Kochutensilien, dazu noch Bogen, Pfeile und Messer.

Auch persönlich verliert Sariah. Im Gegensatz zu Beduinen, bei denen die Frauen ihre persönlichen Schätze, finanzielle Sicherheit im Fall der Scheidung oder dem Tod des Mannes, am Körper trugen,  dürfte Sariah einiges an Schätzen gehabt haben. Auch diese wurden zurückgelassen, was die persönliche Unsicherheit von Sariah drastisch erhöht hat.

Zu guter Letzt lesen wir nirgends, dass Sariah eine Bestätigung, ein persönliches Zeugnis von Gott erhalten habe. Sie geht mit, im Vertrauen auf ihren Mann.

In dieser Situation schickt Gott ihre Söhne zurück nach Jerusalem, woher sie ja gerade geflüchtet waren, weil es dort zu gefährlich war. Ihre Söhne, die jung und noch unerfahren waren. Für eine Frau der damaligen Zeit waren die Söhne das allerwichtigste, die Quelle ihrer sozialen Stellung und die Absicherung für das Alter.

Anscheinend war das endlich genug für Sariah. Als ihre Söhne übermäßig lange wegbleiben, bricht ihr Zweifel durch. Sie macht ihrem Mann Vorwürfe, er sei irre und seine Einbildungen würden dazu führen, dass sie kinderlos in der Wüste zugrunde gehen.

Siehe Sariah und Frauen bei Nephi für mehr Informationen.

Joseph Smith lehrte einmal, dass jeder Gläubige einer Prüfung gleich wie Abraham ausgesetzt würde, also einer Situation, wo er annimmt, dass alle Bündnisse, alles, worauf er sich verlässt, alles, was ihm Stärke gibt, hinfällig seien. Es mag sein, dass diese Situation so eine Prüfung für Sariah war.

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1Nephi 4:36,37

1Ne 4:36 Nun waren wir bestrebt, dass er mit uns verbleiben solle aus dem Grund, dass die Juden nicht bezüglich unserer Flucht in die Wildnis wüssten, damit sie uns nicht verfolgen und uns vernichten würden.

1Ne 4:37 Und es begab sich, dass, als Zoram uns einen Eid gab, unsere Ängste in Bezug auf ihn nachließen.

Kommentar

Text

dass er mit uns verbleibe

Diese Phrase ist eine regelmäßige Wiederholung von Vers 35. Im Griechischen nennt man diese Figur „cycloides“. Sie dient der Betonung. In diesem Fall war es Lehis Söhnen wirklich wichtig.

Inhalt

Nun waren wir bestrebt, dass er mit uns verbleiben solle

Als Lehi seine Familie in die Wildnis nahm, dachten die Söhne wohl noch, dass sie, wenn sich die Lage in Jerusalem beruhigt hätte, wohl wieder zurückkehren könnten. Nach dem Auftrag, die Platten zu holen, dürfte ihnen gedämmert haben, dass sie viel länger in der Wildnis bleiben würden, als angenommen. Der Tod Labans hebt die Handlung auf eine neue Ebene: Sie wissen nun, dass sie nicht nach Jerusalem zurückkehren können.

Hier haben wir außerdem einen Hinweis darauf, dass Lehis Familie sich nicht auf unbekannten Pfaden durch die Wildnis schlug, sondern zumindest einen Teil der Strecke bekannten Karawenenwegen folgte. Aus dem Tor von Jerusalem, das sie nahmen hätte Laban also schließen können, wohin sie gingen und hätte die Obrigkeit auf sie ansetzen können.

Das wiederum ließ nur zwei Möglichkeiten zu: Entweder Zoram schloß sich ihnen (freiwillig oder unfreiwillig) an, andernfalls hätten sie ihn töten müssen. Für diese Tötung hätte jedoch das Gesetz nicht gesprochen, es wäre wohl Mord gewesen.

1Nephi 4:33-35

1Ne 4:33 Und ich sprach zu ihm, nämlich mit einem Eid, dass er sich nicht fürchten müsse; dass er ein freier Mann wie wir sein sollte, wenn er mit uns hinunter in die Wildnis gehen würde.

1Ne 4:34 Und ich sprach auch zu ihm, indem ich sagte: Sicherlich, der Herr hat geboten, dass wir diese Sache tun; und sollen wir nicht eifrig sein im Halten des Gebotes des Herrn? Darum, wenn Du hinunter in die Wildnis gehen wirst zu meinem Vater, sollst Du einen Platz mit uns haben.

1Ne 4:35 Und es begab sich, dass Zoram Mut fasste bei den Worten, die ich sprach. Nun, Zoram war der Name des Dieners; und er versprach, dass er hinuntergehen würde in die Wildnis zu unserem Vater. Ja, und er schwor uns einen Eid, dass er mit uns verbleiben würde von jener Zeit an.

Kommentar

Übersetzung

Hinunter in die Wildnis

Das Originalmanuskript, das Druckermanuskript und alle Ausgaben haben hier „go down in the wilderness“, also eigentlich „In der Wildnis unten gehen“. Der Schreiber hatte jedoch eineTendenz, „in“ statt „into“ zu schreiben und sich danach meist auszubessern, so auch in Vers 34. Es könnte sich also um einen Fehler handeln. Dies wird dadurch erhärtet, dass die Parallelstruktur dieser Verse ein „in die Wildnis“ fordert, und auch der Wortsinn passt so besser. Letztlich ist dies der einzige Fall in 1Nephi 4, wo der Schreiber das „in“ nicht selbst auf „into“ ausgebessert hat. Es ist wahrscheinlicher, dass er dieses hier einfach nur übersehen hat. In den deutschen Ausgaben wurde diese Übersetzungsmöglichkeit auch immer favorisiert.

Eifrig im Halten des Gebotes

Im Original steht hier „des Gebotes“, Oliver hat es im Druckermanuskript auf „der Gebote“ ausgebessert. Wie schon bei 1Ne 4:5 besprochen hat der Schreiber oftmals irrtümlich Einzahl statt Plural geschrieben, aber der Text lässt hier die Einzahl zu: Anstatt dass Nephi generell sagt, dass wir eifrig die Gebote halten sollen, spricht er hier vom einen konkreten Gebot, die Messingplatten zu erlangen.

Zoram

Der Schreiber 3 des Originalmanuskriptes schrieb hier „Zoram“, aber die nächsten zwei Male, wo der Name vorkam, schrieb er Zorum. Oliver Cowdery schrieb im Druckermanuskript so undeutlich, dass alle Vorkommen des Namens sowohl Zoram als auch Zorum heißen könnten. In allen Druckausgaben steht „Zoram“. Wie wir es verstehen, hat der Schreiber sich beim ersten Vorkommen des Namens bemüht, die richtige Schreibweise zu haben, danach nicht mehr so. Im Buch Mormon gibt es drei Personen namens Zoram und zwei unterschiedliche Völker, die als Zoramiten bekannt sind. Diese werden häufig erwähnt. In zwei Fällen ist aus Olivers Handschrift nicht klar, ob das a oder das u richtiger wäre. In allen anderen Fällen ist das a eindeutig zu erkennen. Diese Hinweise deuten darauf hin, dass die Schreibweise „Zoram“ richtig ist.

Zu unserem Vater

Im Originalmanuskript steht „unser Vater“, Oliver schrieb im Druckermanuskript „mein Vater“, besserte dies aber wieder aus. In der 1837 Ausgabe steht „mein Vater“. In der 1981 wurde wieder auf „unser Vater“ ausgebessert. „Unser Vater“ ist hier auch inhaltlich besser und daher richtig.

Ja, und

Im Druckermanuskript hat Oliver das „Ja“ ausgelassen. Erst in der 1981 Ausgabe wurde das „Ja“ hier wieder ergänzt. Im Buch Mormon finden sich 300 Fälle von „Ja, und…“, sowie drei Fälle von „Ja, und er auch“. Üblicherweise wird das „Ja“ im Buch Mormon verwendet, um zu kommentieren, zu verstärken oder zu revidieren, was gerade gesagt wurde. In diesem Sinne passt das „ja“ hier gut dazu: Zu Zorams Eid wird mehr Information gegeben: Er verspricht nicht nur, dass er mit ihnen in die Wildnis hinunter gehen würde, sondern auch, dass er bei ihnen bleiben würde.

Parallelismus

A Und ich sprach zu ihm, nämlich mit einem Eid,
….B dass er sich nicht fürchten müsse;
……..C dass er ein freier Mann wie wir sein sollte,
…………D wenn er mit uns hinunter in die Wildnis gehen würde.
…………….E Und ich sprach auch zu ihm, indem ich sagte: Sicherlich, der Herr hat geboten,
……………….F dass wir diese Sache tun;
……………….F und sollen wir nicht eifrig sein
…………….E im Halten des Gebotes des Herrn?
…………D Darum, wenn Du hinunter in die Wildnis gehen wirst zu meinem Vater,
……..C sollst Du einen Platz mit uns haben.
….B Und es begab sich, dass Zoram Mut fasste
A bei den Worten, die ich sprach.

Wiederum wird der Eid in eine Parallelstruktur gepackt. Im Zentrum steht das Halten der Gebote.

Inhalt

Ein freier Mann .. ein Platz mit uns

Als der Diener Labans die Bühne des Buches Mormon betritt, wird er nur als „Diener Labans“ bezeichnet. Als Diener wurden entweder hochrangige Regierungsmitglieder bezeichnet, oder Sklaven. Ein Diener in einem Haushalt war jedoch meistens ein Sklave. Da es den Israeliten verboten war, israelitische Sklaven zu haben (bzw. diese alle Sabbathjahre freigelassen werden mussten), ist anzunehmen, dass Zoram kein Israelit war. Zoram könnte „ihr Fels“ bedeuten, und könnte als eine Kurzform eines theophorischen Namens (Gott ist ihr [der Israeliten] Fels) gesehen werden. Allerdings ist bis heute kein solcher Name bezeugt. Das ist kein starkes Argument, da wir durch archäologische Funde immer wieder auch neue hebräische Namen kennengelernt haben. Es gibt aber noch eine andere Erklärung: Die Israeliten nannten die Statt Tyros „Zor em Sidonim“. Es ist gut möglich, dass Zoram eine Kurzform ist, die für „Der aus Tyros stammt“ steht. Dies würde noch deutlicher dafür sprechen, dass Zoram kein Isrealit und damit ein Sklave war.

Als nicht nur irgendein Diener, sondern der Diener Labans, der über die Schatzkammer wachte, war er ein Vertrauter Labans, und es ist anzunehmen, dass er über den Zustand Israels und die Gefahr, die von den umgebenden Großreichen drohte, gut informiert war.

Versetzen wir uns in seine Lage: Er hätte Nephis Angebot ausschlagen können, mit Nephi und seinen Brüdern kämpfen und vielleicht entkommen können. Dann wäre er Sklave in einer Stadt geblieben, von der er wusste, dass sie dem Untergang geweiht war. Eine sehr ungewisse Zukunft.

Auf der anderen Seite bot Nephi mit seinem Eid an, dass Zoram nicht länger Sklave, sondern ein freier Mann sein sollte, mit gleichen Rechten auf Eigentum und Schutz, wie sie selbst.

Zoram entschied sich für das Zweite.