1Nephi 4:31-32

1Ne 4:31 Und nun ich, Nephi, der ich ein Mann in großer Gestalt bin und auch große Stärke vom Herrn empfangen habe, weswegen ich ihn überwältigte, und ich hielt ihn, dass er nicht fliehen sollte.

1Ne 4:32 Und es begab sich, dass ich mit ihm sprach, dass wenn er hören würde auf meine Worte, so wie Gott lebt, und wie ich lebe, eben so dass wenn er hören würde auf unsere Worte, würden wir sein Leben verschonen.

Kommentar

Text

In großer Gestalt

Als Oliver Cowdery diesen Vers in das Druckermanuskript kopierte, schrieb er „von großer Gestalt“, besserte dies dann aber sofort auf „in großer Gestalt“ aus. Diese Formulierung findet sich auch in anderen Versen, wie 1. Nephi 2:16 und Mormon 2:1. Ether 14:10 dagegen hat „von großer Gestalt“. So sind beide Varianten im Buch Mormon bezeugt, aber die Manuskripte weisen für diesen Vers die Variante „in“ aus, die auf Deutsch und auf Englisch gleich ungewöhnlich ist.

Partizipialkonstruktion mit „weswegen“

Wie auch im 1.Nephi 1:1 haben wir hier eine Partizipialkonstruktion. Wörtlich: „Und nun ich, Nephi, ein Mann in großer Gestalt seiend und auch große Stärke vom Herrn empfangen habend, weswegen ich …“. Das Partizipium drückt die Gleichzeitigkeit zur Geschichte aus. Insoferne wäre „der ich ein Mann von großer Gestalt war“ zu übersetzen. Allerdings ist Nephi zum Zeitpunkt der Niederschrift noch am Leben, und an seiner Gestalt hat sich nichts geändert, daher habe ich hier „der ich … bin“ übersetzt.

Weswegen

Das Wort leitet im Englischen den Hauptsatz ein. Dies wäre im Deutschen mit „deswegen“ beizubehalten gewesen. Allerdings ist „wherefor“ besser mit „weswegen“ übersetzt. Ich habe hier dem „weswegen“ den Vorzug gegeben.

Parallelismus

A dass wenn er hören würde auf meine Worte,
….B so wie Gott lebt,
….B und wie ich lebe,
A eben so dass wenn er hören würde auf unsere Worte, würden wir sein Leben verschonen.

Einerseits haben wir hier einen Chiasmus (dass Gott lebt und dass Nephi lebt, eingebettet in auf die Worte Nephis und seiner Brüder zu hören), andererseits eine Entwicklung: Das Überleben des Dieners als neuer Gedanke, der sich aus dem Hören der Worte (und dem Gehorchen), aber auch dem Leben Gottes und Nephis ergibt.

überwältigte

„To seize“ heißt jemanden ergreifen. „To seize upon something“ heißt an etwas zerren. Im englischen steht hier „I seized upon him“. Beides passt nicht exakt. Ich habe daher in der englischen King James Version nach „seize upon somebody“ gesucht und diese Formulierung in Psalm 55:15 (in deutschen Übersetzungen: Vers 16!) gefunden. Im Deutschen wird es in diesem Vers so übersetzt:

“überfallen“ (Einheitsübersetzung und Schlachter)
„übereilen“ (Luther)
„überraschen“ (Elberfelder)

Mit „überwältigte“ habe ich versucht, einerseits den offensichtlichen Überraschungseffekt des (möglicherweise im Hebräischen zugrunde liegenden) Wortes zu erhalten, andererseits aber auch die physische Bewegung.

Inhalt

Nephis Gestalt

Um den Diener allein festhalten zu können, mußte Nephi tatsächlich deutlich stärker sein, selbst wenn er die Schrecksekunde und Zorams Überraschung auf seiner Seite hatte.

So wie Gott lebt, so wie ich lebe

Wir haben es hier mit einem klassischen nahöstlichen Eid zu tun. Dieser ist, wie üblich, in eine Bündnis/Fluch-Form eingebettet. Nephi sagt hier nicht: „Wenn Gott lebt, und Du weißt dass er lebt“, sondern: „Ich rufe den lebenden Gott als Richter an, dass Er auf die Einhaltung des Bündnisses achte und denjenigen, der seinen Teil nicht hält, strafe“. Diese Eidformel ist im Alten Testament häufig bezeugt.
Ebenso sagt Nephi nicht: „Wenn ich lebe, und Du weißt dass ich lebe“, sondern: „Ich setze mein Leben und meine Stammeszugehörigkeit dafür ein, dass ich meinen Teil halte.“ Oder: „Möge ich von meiner Familie verbannt und getötet werden, wenn ich meinen Teil nicht halte.“ Diese Formel ist im Alten Testament nicht bezeugt, ist aber auf der Arabischen Halbinsel üblich und auch in altertümlicher arabischer Literatur bezeugt.

Damit hat Nephi den stärkstmöglichen Nachdruck auf seine Worte gelegt. Einen solchen Eid zu brechen war der antiken Welt kaum denkbar – selbst nicht, wenn es sich um jemanden handelt, der einen Mann getötet, dessen Kleider angezogen und einen Diener getäuscht hat.

Siehe dazu diese Zusammenfassung.

Der offizielle Charakter dieses Eides wird dadurch bekräftigt, dass er in einen Chiasmus eingebettet ist.

Advertisements

1Nephi 4:28-30

1Ne 4:28 Und es begab sich, dass, als Laman mich sah, er ausserordentlich erschreckt war, und Lemuel und Sam auch. Und sie flohen vor meiner Gegenwart; denn sie dachten, es war Laban und dass er mich erschlagen hatte und auch ihr Leben zu nehmen suchte.

1Ne 4:29 Und es begab sich, dass ich nach ihnen rief, und sie hörten mich; aus diesem Grund hörten sie auf, vor meiner Gegenwart zu fliehen.

1Ne 4:30 Und es begab sich, dass, als der Diener Labans meine Brüder sah, er begann zu zittern, und er war dabei von mir zu fliehen und in die Stadt Jerusalem zurückzukehren.

Kommentar

Text

vor meiner Gegenwart

Eigentlich: „von vor meiner Gegenwart.“

Und sie hörten mich

Hier haben wir wieder die Vergangenheitsbildung mit dem Hilfsverb „do“. Im heutigen Englisch würde man das als „und sie hörten mich tatsächlich“ verstehen können, aber da diese Vergangenheitsbildung im Buch Mormon überproportional häufig ist, muss das so nicht sein. In der Erzählung Nephis sind beide Varianten sinnvoll.

Inhalt

Gegenwart

Das hebräische Wort, das im Alten Testament mit „Gegenwart“ einer Person oder einer Sache bezeichnet wird, ist ponem. Es findet sich auch im Jiddischen. Es bedeutet eigentlich das Gesicht, im erweiterten Sinn das Gesichtfeld, den Aufmerksamkeitsbereich. Es wird auch verwendet als Vorder- oder Oberseite. In diesem Sinne lesen wir in Gen 1:2 vom ponem des Wassers, der Gesichtsseite, oder der Oberseite, oder einfach „über“, oft auch (bei Herrschern) von der Macht und dem Gericht. Als Joseph, der Sohn Jakobs, unter dem Pharao eine Machtstellung bekommt (Gen 41:46), steht er „vor“ (ponem) dem Pharao und geht von seiner Gegenwart (ebenso ponem) aus. Das drückt aus, dass Joseph vom Pharao bevollmächtigt ist, dass seine Worte der Wille des Pharaos sind. Im gleichen Sinne lesen wir im Neuen Testament vom Engel Gabriel (Luk 1:19).

Ich rief nach ihnen

Es ist nicht niedergeschrieben, was Nephi rief. Allein seine Stimme zu hören hätte die Brüder in ihrer Panik wahrscheinlich nicht beruhigt. Gleichzeitig erkannte der Diener Labans dadurch, dass der Mann neben ihm nicht sein Herr war, dass sein Herr wahrscheinlich tot war und dass er selbst sich unwissentlich eines Verbrechens schuldig gemacht hatte. Dies ließ ihn zittern und fliehen.

1Nephi 4:25-27

1Ne 4:25 Und ich wies ihn an, dass er mir folgen sollte.

1Ne 4:26 Und er, – annehmend, dass ich von den Brüdern der Kirche sprach und dass ich wahrhaftig jener Laban war, den ich erschlagen hatte – er folgte mir darum.

1Ne 4:27 Und er sprach zu mir viele Male betreffend der Ältesten der Juden, als ich voran ging zu meinen Brüdern, die außerhalb der Mauer waren.

Kommentar

Text

Annehmend

Wie schon in 1Ne 4:21 besprochen haben wir hier wieder einen Partizip-Satz. Wo die Konstruktion jedoch in 1Ne 4:21 unvollständig ist, ist sie hier komplett.

Mauer oder Mauern

Auch hier stand ursprünglich die Einzahl und wurde daher wiederhergestellt.

Betreffend der Ältesten der Juden

Dies ist eine unregelmäßige Wiederholung von Vers 22. Unregelmäßige Wiederholungen sind keine zufälligen, unbeabsichtigten Wiederholungen, sondern sie heben die Spannung oder betonen. Eine biblische zufällige Wiederholung finden wir in Ex 16:35. Die wiederholte Phrase ist hier „sie aßen Manna“.

die außerhalb der Mauer waren

Hier haben wir die gleiche Satzendung wie ihn Versen 4,5 und 24. Die Redefigur „gleiche Endung“ (von den Griechen amoebaeon genannt) ist wie ein Refrain in einem Lied. Sie fasst das Geschehen zusammen und betonen es. Wir finden diese Figur in der Bibel zum Beispiel in Amos 4:6, 8, 9, 10, 11, wo jedes Mal die Worte „Spruch des Herrn“ wiederholt werden.

Inhalt

er sprach zu mir viele Male

Offensichtlich überließ Nephi dem Diener Zoram das Reden, was vermehrt dazu beitrug, dass Zoram nicht auf den Gedanken kam, er sei mit jemand anderem als seinem Herrn Laban unterwegs. Gleichzeitig konnte Nephi so Information sammeln.

Brüder der Kirche

oft wird kritisiert, dass es zur Zeit Nephis in Israel ja gar keine Kirchen gab, dass das Wort Kirche hier daher einen Anachronismus darstelle, einen Hinweis darauf, dass das Buch Mormon kein altertümliches Werk sein kann. Diese Kritik ist nicht gerechtfertigt. Das englische Wort church, genau wie das deutsche Kirche, kommen aus dem niederländischen Wort „kerk“, einem Lehnwort vom griechischen „kyriakos“ (dem Herrn gehörig), was eine Abkürzung von „das Volk, das dem Herrn gehörig ist“ darstellt. Eine andere Übersetzung wäre „Volksversammlung des Herrn“. Volksversammlung, das ist im Griechischen Synagoge und im Hebräischen Kahal. Und Kahal ist tatsächlich ein Begriff, der schon in den ältesten Schichten des Alten Testamentes vorkommt und genau das bedeutet, was auch Nephi meint: Nicht die führenden Brüder des Kirchengebäudes, sondern die führenden Brüder aus der Volksversammlung Israels, dem Volk Gottes.

1Nephi 4:23-24

1Ne4:23 Und ich sprach zu ihm, als wäre es Laban.

1Ne4:24 Und ich sprach auch zu ihm, dass ich die Gravierungen, die auf den Messingplatten waren, zu meinen älteren Brüdern, die außerhalb der Mauer waren, tragen sollte.

Kommentar

Text

Als wäre es Laban

In den deutschen Übersetzungen steht hier normaler Weise „als wäre ich Laban“. Das englische Original lautet jedoch „als wäre es Laban“. Nephi schafft dadurch eine Distanz zwischen sich und seinem Handeln.

Dass ich die Gravierungen … tragen sollte

Im Englischen wie im Deutschen klingt das holprig. Vielmehr würden wir die Platten tragen, auf denen die Gravierungen waren, als dass wir die Gravierungen tragen, die auf den Platten waren. Eine ähnliche Formulierung finden wir in Alma 46:19, wo der Hauptmann Moroni in der 1830 Ausgabe des Buches Mormon nicht ein abgerissenes Stück seines Mantels schwenkt, sondern den Riss selbst, also das Loch zwischen den Stoffteilen. Wie John A. Tvedtnes schreibt, ist dies schlechtes Englisch, aber sehr gutes Hebräisch. Das gleiche Prinzip haben wir hier.

Die Mauer oder die Mauern

Wie schon in 1 Nephi 4:5 besprochen ist hier die Einzahl richtig.

Parallelismus

Wir sind hier am Ende der Struktur angelangt, und können sie uns jetzt als Ganzes ansehen.

A Und es war des Nachts; und ich bewirkte, dass sie sich außerhalb der Mauer verstecken sollten.

….B Und nachdem sie sich versteckt hatten, schlich ich, Nephi, in die Stadt und ging voran zum Haus Labans.

…… Und ich war vom Geist geführt, nicht im Vorhinein die Dinge wissend, die ich tun sollte.

…… Dennoch ging ich voran, und als ich nahe zu dem Haus Labans kam, sah ich einen Mann, und er war vor mir zur Erde gefallen, denn er war trunken vom Wein.

…… Und als ich zu ihm kam, fand ich heraus, dass es Laban war

……..C Und ich sah sein Schwert,
………. und ich zog es heraus aus dessen Scheide,
………. und das Heft davon war aus purem Gold,
………. und die Verarbeitung davon war außerordentlich erlesen,
………. und ich sah, dass die Klinge davon aus dem kostbarsten Stahl war.

…………D Und es begab sich, dass mich der Geist bedrängte, dass ich Laban töten sollte; aber ich sagte in meinem Herzen: Niemals zu irgendeiner Zeit hatte ich Menschenblut vergossen. Und ich zog mich erschreckt zurück und wünschte, dass ich ihn vielleicht nicht töten würde.

Und der Geist sagte zu mir wiederum: Siehe der Herr hat ihn in deine Hände ausgeliefert. Ja, und ich wusste, dass er gesucht hatte, mein eigenes Leben zu nehmen; ja, und er wollte nicht auf die Gebote Gottes hören; und er hatte auch unser Eigentum weggenommen.

…………….E Und es begab sich, dass der Geist zu mir wiederum sagte: Töte ihn, denn der Herr hat ihn in deine Hände ausgeliefert; siehe, der Herr tötet die Schlechten um seine rechtschaffenen Absichten hervor zu bringen. Es ist besser, dass ein Mensch umkommt, als dass eine ganze Nation schwindet und in Unglauben umkommt.

………………..F Und nun, als ich, Nephi, diese Worte gehört hatte, erinnerte ich mich der Worte des Herrn, die er zu mir sprach in der Wildnis, als er sagte: Insoferne dein Samen meine Gebote halten wird, sollen sie im Land der Verheißung gedeihen.

………………..F Ja, und ich dachte auch, dass sie nicht die Gebote des Herrn halten können würden, gemäß dem Gesetz des Mose, außer, wenn sie das Gesetz hätten. Und ich wusste, dass das Gesetz auf den Messingplatten eingraviert war.

…………….E Und wiederum, ich wusste, dass der Herr Laban zu diesem Zweck in meine Hand geliefert hatte – dass ich die Aufzeichnungen gemäß seinem Gebot erlangen möge.

…………D Darum gehorchte ich der Stimme des Geistes und nahm Laban bei den Haaren seines Kopfes, und ich schlug seinen Kopf mit seinem eigenen Schwert ab.

……..C Und nachdem ich abgeschlagen hatte seinen Kopf mit seinem eigenen Schwert, nahm ich die Gewänder Labans und legte sie auf meinem eigenen Körper an; ja, selbst jedes kleinste Teil; und ich gürtete seine Rüstung um meine Lenden.

….B Und nachdem ich dies getan hatte, ging ich voran zur Schatzkammer Labans. Und als ich voran ging, in Richtung auf die Schatzkammer Labans, siehe, ich sah den Diener Labans, der die Schlüssel der Schatzkammer hatte. Und ich gebot ihm mit der Stimme Labans, dass er mit mir zur Schatzkammer gehen sollte. Und er – annehmend ich sei sein Meister, Laban, denn er sah die Gewänder und auch das Schwert um meine Lenden gegürtet – und er sprach zu mir in Bezug auf die Ältesten der Juden, er wissend dass sein Meister, Laban, bei Nacht draußen war bei ihnen. Und ich sprach zu ihm, als wäre es Laban.

A Und ich sprach auch zu ihm, dass ich die Gravierungen, die auf den Messingplatten waren, zu meinen älteren Brüdern, die außerhalb der Mauer waren, tragen sollte.

Wir wir sehen, baut Nephi die ganze Parallelstruktur auf, um zu zeigen, dass er nicht eigenmächtig handelt, sondern dass er nach dem Buchstaben des Gesetzes geht, aber darüber hinaus nur wegen eines direkten Gebotes Gottes, und auch das nur, weil das der einzige Weg für ihn war, dem vorhergehenden Gebot Gottes zu folgen und zu ermöglichen, dass seine Nachkommen die Gebote halten können. Er weiß, wenn er dieses Gebot des Geistes nicht hält, werden die Absichten Gottes und Seine Verheißungen für die Nachkommen Nephis vereitelt.

Zu beachten ist hier auch die Verkettung mit vielen „und“ im ersten Teil C,

Inhalt

Nephi bemüht sich, Zoram nicht zu belügen. Er lässt ihn in seinem Irrtum, ohne dabei selbst Unwahrheit zu sagen.

Für Laban wäre es sehr ungewöhnlich, hätte er die Platten genommen und wäre damit vor die Stadt gegangen. So sichert sich Nephi die Mithilfe Zoram, um unauffälliger zu erscheinen.

1Nephi 4:21-22

1Ne 4:21 Und er – annehmend ich sei sein Meister, Laban, denn er sah die Gewänder und auch das Schwert um meine Lenden gegürtet –

1Ne 4:22 und er sprach zu mir in Bezug auf die Ältesten der Juden, er wissend dass sein Meister, Laban, bei Nacht draußen war bei ihnen.

Kommentar

Text

Und er  – annehmend

Es gibt mehrere Möglichkeiten, diesen Satz grammatikalisch zu verstehen. Im Original steht hier „and he soposing me tob e his master Laban… and he spake…“. Oliver Cowdery nahm beim Übertragen vom Originalmanuskript zum Druckermanuskript an, dass es sich hierbei um einen Nebensatz ohne Hauptsatz handelte. Dementsprechend besserte er auf „and he supposed“ aus, also: „und er nahm an…“. Dieser Ansicht sind alle Ausgaben des Buches Mormon gefolgt.

Eine andere Erklärung wäre, dass sich Hebräische und Ägyptische Satzstrukturen deutlich von der Englischen (und Deutschen) unterscheiden. Im Hebräischen gibt es sehr lange Sätze, bei denen die Nebensätze Partizip-Sätze sind. Ein schönes Beispiel dafür finden wir in Genesis 1:1-3, das man wörtlicher wohl so übersetzen könnte:

Als Gott begann, Himmel und Erde zu schaffen –

Und die Erde ungeformt und leer seiend

Und Dunkelheit über der Oberfläche der Tiefe seiend

und der Geist Gottes schwebend über das Wasser –

sagte Gott, „Es werde Licht“; und es war Licht.

Üblicher Weise wird diese un-deutsche Struktur jedoch in mehrere Hauptsätze zerlegt.

Im Buch Mormon gibt es sehr viele solche verketteten Partizip-Nebensätze, weit mehr, als auch im 19. Jahrhundert in Joseph Smiths Umgebung typisch war, und viele davon sind unangenehmes Englisch – aber sehr gutes Hebräisch. In Alma 9:19-23 finden sich zum Beispiel 13 im Englischen solche Partizip-Nebensätze.

Olivers Korrektur hat den Text definitiv „englischer“ und lesbarer gemacht, ohne den Sinn zu verändern, vielleicht aber dabei einen Hinweis auf die Originalsprache verschleiert.

Geht man aber von einem Partizip-Nebensatz aus, dann gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Dem Nebensatz fehlt der Hauptsatz
  2. Durch Olivers Korrektur wurde die Interpunktion beeinflusst.

Ich gehe von Letzterem aus. Das heißt: Der Satz endet nicht mit Vers 21, sondern das wiederholte „und er“ in Vers 22 führt den Satz fort.

In diesem Sinne habe ich auch „er wissend“ übersetzt, statt „denn er wusste“.

Abhandlungen zu diesem Thema gibt es von Brian D. Stubbs, Larry G. Childs und nochmals Larry G. Childs.

die Ältesten der Juden

Nephis Wortspiel geht im Deutschen etwas verloren. Im Griechischen, Lateinischen und Englischen sind die Ältesten nicht Älteste sondern Ältere. Im Hebräischen sind die „Ältesten“ die „Bärtigen“.

Inhalt

Täuschung

Nephi zieht Labans Gewänder an, er verstellt seine Stimme und er verwendet Worte in einer Weise, dass der Knecht Labans den Eindruck erhält, es mit Laban zu tun zu haben. Das passiert nicht einfach, sondern Nephi handelt absichtlich. Ist das nicht unehrlich? Heiligt hier der Zweck die Mittel? Manchmal, wenn  wir alte Heilige Schrift lesen, stossen wir auf Dinge, die uns unbequem sind, die uns übel aufstoßen. In solchen Fällen ist es sinnvoll, daran zu denken, dass die handelnden Personen einer anderen Zeit und einer anderen Kultur entstammen und wir sie nicht nach unseren Maßstäben richten dürfen.

Ein schönes Beispiel aus der Bibel findet sich in Genesis 34. Es ist eine harte Geschichte, die da erzählt wird, von Dina, der Tochter Jakobs, die vergewaltigt wird, ihr Peiniger, Sichem, verliebt sich aber in sie und will sie heiraten. Israels Söhne stimmen dem zu, unter der Bedingung dass der Täter und sein ganzes Haus sich beschneiden lassen. Die Einheitsübersetzung nennt die Antwort der Söhne Israels „hinterhältig“ und sagt, dies sei berechtigt, weil Sichem Dina vergewaltigt habe. Und als diese darauf eingehen und dann von der Wunde geschwächt sind, bringen die Söhne Jakobs die anderen um. So weit könnte man vielleicht noch folgen. Doch wie reagiert Jakob? Ist er verstört darüber, dass seine Söhne einen hinterhältigen Massenmordbegangen haben?

Er sagt: „Ihr stürzt mich ins Unglück. Ihr habt mich in Verruf gebracht bei den Bewohnern des Landes, den Kanaanitern und Perisitern. Meine Männer kann man an den Fingern abzählen. Jene werden sich gegen mich zusammentun und mich niedermachen. Dann ist es vorbei mit mir und meinem Haus.“

So ist ihm weder das Hinterhältige noch der Mord ein Problem. Aus seiner Weltsicht kann er das Handeln seiner Söhne nachvollziehen. Doch er fürchtet, dass die Menschen, unter denen er lebt, dies nicht so sehen würden und ihn und sein Haus bekämpfen würden.

Die Geschichte ist ein Beweis dafür, dass Genesis ein altertümlicher Text ist: Sie verstört uns und verletzt unsere Sensibilitäten. Ein christlicher Autor aus dem 21. Jahrhundert hätte sie anders erzählt und eine Moral gefunden, die das Handeln der Söhne Jakobs entweder erklärbar macht und rechtfertigt, oder aber eine Verurteilung der Söhne Jakobs eingebaut, weil sie gemordet haben. Weil dieses „heutige“ Verständnis aber fehlt, weil der Autor erst gar nicht versteht, dass seine heutigen Leser ein Problem damit haben könnten, ist dies ein Beweis für den Ursprung dieses Textes.

Das Gleiche lässt sich für die Erzählung von Nephis Täuschungsmanöver sagen.

Ältesten der Juden.. bei Nacht draußen war bei ihnen

Der Historiker Gustav Hölscher führte 1952 aus, dass König Zidkijah eine Marionette in der Hand des jüdischer Establishments war. Die eigentliche Politik wurde nicht vom 21jährigen König gemacht, sondern von den Ältesten.

Die Stimmung war angeheizt. Die Sakkara-Briefe (gefunden 1942) zeigen die Panik, die damals im Land herrschte. Der Philister-König Adon schreibt darin an die Ägypter: „Die Armeen des Königs von Babylon sind gekommen, sie haben Aphek erreicht … lasst mich nicht im Stich!“ Die Lachisch Ostraka legen dar, dass informierte Kreise ganz genau wussten, welche Gefahr drohte. Gleichzeitig versuchte man dem Volk einzureden, dass alles wohl sei, dass man wisse, was man tue. Jede Kritik an den Sarim, den Ältesten, wurde unterdrückt.

Es klingt absolut glaubhaft, dass die Ältesten sich mit einem militärischen Führer in diesem Klima nicht offen trafen, sondern im Geheimen, bei Nacht.

1Nephi 4:20

1Ne4:20 Und nachdem ich dies getan hatte, ging ich voran zur Schatzkammer Labans. Und als ich voran ging, in Richtung auf die Schatzkammer Labans, siehe, ich sah den Diener Labans, der die Schlüssel der Schatzkammer hatte. Und ich gebot ihm mit der Stimme Labans, dass er mit mir zur Schatzkammer gehen sollte.

Kommentar

Schriften in Schatzkammern

Während es für uns seltsam erscheint, Schriften in Schatzkammern aufzubewahren, war das im Alten Israel und Umgebung nicht üblich.

So lesen wir zum Beispiel in Esra 6:1, dass König Darius Urkunden in Schatzhäusern aufbewahrte. Das aramäische Wort, das hier für „Schatzkammer“ verwendet wird, lautet ginzayyâ, und es bedeutet, dass etwas verborgen oder bewahrt wird. Im Hebräischen, das wir im Talmud finden, wird für Schriften oft das (mit ginzayyâ verwandte) Wort geniza verwendet (Mehrzahl genizot). In Genizot wurden abgenutzte Torah-Rollen verborgen. Derjenige, der für solche Schriftrollen verantwortlich war, wurde gannaz genannt (Archivist). Siehe John A. Tvedtnes etwas ausführlicheren Artikel.

1Nephi 4:18-19

1Ne4:18  Darum gehorchte ich der Stimme des Geistes und nahm Laban bei den Haaren seines Kopfes, und ich schlug seinen Kopf mit seinem eigenen Schwert ab.

1Ne4:19 Und nachdem ich abgeschlagen hatte seinen Kopf mit seinem eigenen Schwert, nahm ich die Gewänder Labans und legte sie auf meinem eigenen Körper an; ja, selbst jedes kleinste Teil; und ich gürtete seine Rüstung um meine Lenden.

Kommentar

Text

Vergangenheitsbildungen

Im Originalmanuskript steht in Vers 19 statt „ich hatte abgeschlagen“ das (grammatikalisch falsche) „ich hatte abschlug“, eine Form des Vergangeheitsbildung, wie sie in manchen Dialekten des Englischen üblich ist. Im Buch Mormon kommt diese Form im Zusammenhang mit dem Verb „smite“ vier Mal vor, wogegen in 42 Fällen die grammatikalisch richtige Form verwendet wird. In diesem Fall könnte ein Grund sein, dass der Parallelismus besser zum Tragen kommt.

Eine andere Eigenheit findet sich im Vers 18: „I did obey“, also „Ich tat gehorchen“. Diese Form der Vergangenheitsbildung war im 16. Jahrhundert üblich, ist aber sowohl für die King James Übersetzung der Bibel als auch für Joseph Smiths Zeit untypisch, meint Stanford Carmack. Während diese Form in heutigem Englisch durchaus noch Verwendung findet, um eine besondere Betonung zu geben, kann diese Erklärung nicht für die schiere Häufung im Buch Mormon herangezogen werden. 27% aller Sätze in der Vergangeheit werden im Buch mormon auf diese Weise gebildet. Was das für usner Verständnis vom Buch Mormon bedeutet, muss noch näher erforscht werden.

abgeschlagen hatte seinen Kopf mit seinem eigenen Schwert

Die Satzstellung ist für Deutsch ziemlich holprig, aber es kommt dafür deutlicher heraus, dass hier die gleichen Worte und die gleiche Satzstellung verwendet wird, wie in Vers 18, wodurch der Parallelismus erkennbarer wird.

Inhalt

Labans Enthauptung

Eine häufig gestellte Frage ist, wie Nephi zuerst Laban köpfen und dann dessen Kleidung anziehen kann, ohne dass überall Blut ist, das Nephi verrät.

Unsere heutige Vorstellung von einer Enthauptung, mit Blut, das mit jedem Pulsschlag aus den Adern spritzt, ist ein Produkt Hollywoods. Bei einer Amputation, und auch das Enthaupten ist eine Form von Amputation, versucht der Körper, so lange wie möglich das Verbluten zu verhindern. Dies tut er durch ein Verkrampfen von Muskeln. Eine Amputation blutet zunächst gar nicht oder kaum. Erst, wenn der Krampf nicht mehr aufrecht gehalten werden kann, fließt Blut aus. Dann aber ist das Herz auch zu schwach, um das Blut schwallartig spritzen zu lassen.

Weiters sagt Nephi nicht, dass er Laban erschlägt und ihn dann entkleidet, sondern er sagt nur, dass er nach Labans Tod dessen Kleidung anzieht. Das Entkleiden kann schon vorher passiert sein.

Labans Rüstung

Nephi geht auf Labans Rüstung nicht näher ein, allerdings erwähnt er, dass er sich diese um die Lenden gürtete. Wahrscheinlich war es ein breiter Gurt und Schurz, ein Schuppenpanzer, der den unteren Rücken, den Bauch und den Genitalbereich schützt. Solche Rüstungen sind von assyrischen Fußsoldaten aus der gleichen Zeit bekannt.