1Nephi 4:5-7

5 Und es war des Nachts; und ich bewirkte, dass sie sich außerhalb der Mauer verstecken sollten. Und nachdem sie sich versteckt hatten, schlich ich, Nephi, in die Stadt und ging voran zum Haus Labans.

6 Und ich war vom Geist geführt, nicht im Vorhinein die Dinge wissend, die ich tun sollte.

7 Dennoch ging ich voran, und als ich nahe zu dem Haus Labans kam, sah ich einen Mann, und er war vor mir zur Erde gefallen, denn er war trunken vom Wein.

Kommentar

Textvarianten

Mauer oder Mauern?

Die Phrase „außerhalb der Mauer“ kommt im 4. Nephi drei Mal vor: Verse 5, 24 und 27. In allen steht im Originalmanuskript die Einzahl „Mauer“, bei allen wurde später auf „Mauern“ ausgebessert. Die Handschriften dieser Verse im Originalmanuskript stammen von den Schreibern 2 (Vers 4) und 3 (Verse 24 und 27). Von Schreiber 2 wissen wir, dass er das englische Plural-s oft vergessen hat. Schreiber 3 hat dies in 4 anderen Fällen getan, und in 3 weiteren hat er es zwar vergessen, aber sofort ausgebessert.

Es könnte also sein, dass hier der Plural gemeint ist und es sich um einen Fehler des Schreibers handelt, vor allem, da wir in Vers 4 ganz klar „Mauern“ stehen haben. Weiters gibt es außer diesen Stellen noch 3 andere, in denen die Phrase „außerhalb der Mauern“ (Plural) vorkommt.

Im Gegensatz zu den Stellen in 1Nephi 4 folgt bei den anderen 3 Stellen eine nähere Erklärung, z.B: „außerhalb der Mauern von Jerusalem“ (without the walls of Jerusalem – 1Nephi 4:4) oder „außerhalb der Mauern der Stadt“ (without the walls of the city – Mosia 21:19).

Die gleiche Situation haben wir bei der Phrase „außerhalb des Tores“/„außerhalb der Tore“ (Mosia 7:10 und Mosia 21:23).

Royal Skousen schließt daher, dass hier die Einzahl „Mauer“ im Original berechtigt ist.

Parallelismus

Mit Vers 5 beginnt wieder eine große Struktur, die bis Vers 24 geht, also den ganzen

Ausflug Nephis nach Jerusalem umschließt, bis er Zoram befiehlt, mit ihm vor die Mauern zurückzukehren. Das Zentrum und der Wendepunkt sind die Gebote Gottes in den Versen 14 bis 16, in dem auf das Halten der Gebote und die zentrale Bedeutung davon hingewiesen wird. Wenn man den Text ohne Chiasmus/Parallelismus liest, dann mag es erscheinen, als läge der Höhepunkt darin, dass Nephi den Laban erschlägt, oder darin, dass Nephi Zweifel daran hat, ob er das tatsächlich tun soll, oder im Gebot des Heiligen Geistes, aber die literarische Struktur offenbart, dass im Zentrum der Geschichte das Befolgen der Gebote steht, und zwar für Nephis Nachkommen.

Inhalt

Ich wusste nicht

Brant Gardner weist darauf hin, dass Nephi zwar nicht wusste, was er tun würde, aber deswegen ist er doch nicht gedankenlos, quasi ferngesteuert, los marschiert, sondern er ist zum Haus Labans gegangen, wo es am Wahrscheinlichsten war, dass er Laban antrifft.

er war vor mir zur Erde gefallen

Es ist im Text nicht eindeutig, ob Nephi einen auf dem Boden liegenden Laban findet, oder ob er Laban fallen sieht.

Er war trunken vom Wein

Man unterschiedet üblicherweise vier Stufen der Trunkenheit:

  1. Fröhlichkeit (Euphorie), Rededrang, Selbstgefühlsteigerung.
  2. Kurzdauernde symptomatische Psychose mit verminderter Schmerzempfindlichkeit, Bewegungsdrang mit Bewegungsstörungen (zerebellare Ataxie), Spracherschwernis, psychischer Enthemmung, Denkstörung, Gedächtnisverlust, evtl. auch Unterkühlung.
  3. Vollrausch mit Störung der Ziel- und Haltemotorik.
  4. Koma

Im Alten Testament gibt es über hundert Stellen, die sich mit Trunkenheit auseinandersetzen. Dabei ist nicht nur Wein als Rauschmittel erwähnt.

Trunkenheit wird im Alten Testament nicht nur negativ gesehen. Wenn zum Beispiel die erfreulichen Umstände eines Volksfestes durch Weingenuss intensiviert wird, gibt es keine Kritik. Wenn Trunkenheit aber den Blick auf die Realität trübt, wird sie zur Gefahr. So schreibt auch Manuel Dubach auf Seite 288 seines Buches über Trunkenheit im Alten Testament: „Die durch den Rausch beschränkte (Ein-)Sicht verunmöglicht dem Menschen ein Erkennen göttlichen Wirkens; das Nicht-Erkennen einer von Gott durchdrungenen Realität mündet letztlich in eine Leugnung Gottes. Handelt es sich bei den in ihren Fähigkeiten beschränkten Menschen um Verantwortungsträger, hat dies verheerende Konsequenzen. Insbesondere für religiöse Autoritäten, wie sie die Priester und Propheten darstellen, sind weinselige Ausschweifungen mit einer akkuraten Amtsausübung nicht zu vereinbaren. Die in Mesopotamien anklingende Vorstellung, dass sich Gott und Mensch im Rausch aufeinander zu bewegen, kennt die Hebräische Bibel nicht. So ist auch ein im trunkenen Zustand angestrebter Offenbarungsempfang für die alttestamentliche Vorstellungswelt nicht denkbar. Der Kontakt mit der Sphäre des Göttlichen verlangt nach Nüchternheit. Anders als der Rechabiter, dessen Weinverzicht in einer grundsätzlichen Ablehnung der sesshaften Kultur gründet, sucht der Nasiräer deshalb mittels Alkoholabstinenz eine heilige Existenz fernab von bewusstseinstrübenden Genüssen.“

Besonders Jesaja 5:11,12 kommt als Verurteilung der Trunkenheit hier in den Sinn, wo das Sich Berauschen im Gegensatz zum Erkennen des Willens Gottes steht, so wie Laban sich mit den geistigen Führern der Juden bewusstlos säuft, statt auf Gott zu hören. Vielleicht dachte Nephi auch an Jesaja 22:13, eine Stelle, die er später auch in 2Nephi 28:7 mit eigenen Worten widergibt. Tatsächlich: Am nächsten Tag war Laban tot. Vielleicht dachte Nephi aber auch an Jesaja 28:1-7, wo die geistige Elite in Israel, besonders die Nachkommen Josephs, dafür gerügt werden, dass sie sich bei ihrer Rechtsprechung und bei der Art, wie sie das Volk führen, vom Alkohol und dem Genuß leiten lassen, statt auf Gott zu hören.

Indem Nephi vom betrunkenen Laban redet, bereitet er aber auch das vor, was noch kommen wird: Laban hat sich selbst gerichtet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s