1Nephi 3:31

31 Und nachdem der Engel sich entfernt hatte, begannen Laman und Lemuel wieder zu murren, indem sie sagten: Wie ist es möglich, dass der Herr Laban in unsere Hände ausliefern wird? Siehe, er ist ein mächtiger Mann, und er kann fünfzig befehligen, ja, er kann sogar fünfzig erschlagen; warum also nicht uns?

Kommentar

Textliches

Kapiteltrennung

In der Ausgabe von 1830 ist hier kein Kapitelende.

Parallelismus

Und nachdem der Engel sich entfernt hatte, begannen Laman und Lemuel wieder zu murren, indem sie sagten: Wie ist es möglich, dass der Herr Laban in unsere Hände ausliefern wird? Siehe, er ist ein mächtiger Mann,
…und er kann fünfzig befehligen,
…ja, er kann sogar fünfzig erschlagen;
warum also nicht uns?

Der Nummernparallelismus wird hier verwendet, um das grundsätzliche Thema des Verses zu verstärken und auszuschmücken. Der Autor führt damit aus, dass Laban „ein mächtiger Mann“ ist, tatsächlich kann er sogar fünfzig töten.

Kal vaChomer

Rabbi Hillel der Ältere (Hillel ha-zaqen; * um 110 v. Chr.; † um 9 n. Chr.) hat die damals üblichen Auslegungsregeln zusammengefasst. Diese sind als die Schiw‘a Midoth (oder 7 Auslegungsregeln) bekannt. Eine davon lautet „vom Kleineren auf das Größere schließen“ (Kal vaChomer). Diese geht nach dem Grundsatz „wenn schon x, um wie viel mehr dann x+1“.

Inhalt

Murren

Es ist interessant, dass Laman und Lemuel hier einen Engel sehen, aber anstatt dass sie verwundert über dieses wunderbare Ereignis sind, anstatt dass sie umkehren und darüber sprechen, was das nun bedeutet und was sie tun können, spielen sie sofort das Erlebte herunter und finden Gründe, warum das alles nicht funktionieren kann.

Wir wissen nicht, ob sie davor schon einen Engel gesehen haben, jedenfalls reagieren sie bei Weitem nicht so überrascht, wie wir es erwarten würden. Das Erscheinen eines Engels selbst macht ihnen anscheinend keine Probleme.

Wir wissen, dass Laman und Lemuel oft murrten, und doch ist das hier etwas schockierend: Wenn sie gegen ihren Vater und jüngeren Bruder murren, ist das eine Sache. Gegen einen Engel des Herrn zu murren, ist jedoch ein Wenig extrem.

Nephi schreibt dies 30 Jahre später, aus einer politischen Situation, wo seine Leute und die Leute von Laman und Lemuel sich in einer Serie von Kriegen befinden, wo er begründen muß, warum er, und nicht Laman, der rechtmäßige Führer des Volkes ist. Er bemüht sich daher, Laman und Lemuel in einem schlechten Licht dastehen zu lassen, als hartherzige Skeptiker, die sich nicht einmal von einem Engel überzeugen lassen.

Und tatsächlich erleben wir immer wieder, dass jemand sogar sagt, „wenn das und das Wunder passiert, dann will ich glauben!“, und es geschieht, sie glauben aber nicht, sondern deuten es weg.

Man könnte diese Geschichte aber auch in einer Weise rekonstruieren, in der ihr Zögern vernünftig, ihr Glaube orthodox und ihre Handlungen zu einem gewissen Teil diesem Glauben entsprechend sind.

Versuchen wir das mal: Lehi träumt davon, dass man ihn umbringen will. Hier fangen die Probleme an. Es ist eine Sache, dass die Menschen in Jerusalem auf Lehi wütend waren. Aber als Beweis dafür, dass man ihn wirklich töten will, hat der Familienvater anscheinend nur einen Traum. Und dass Träume damals nicht als so vertrauenswürdig galten, das haben wir schon erwähnt. War es wirklich Gottes Offenbarung, oder doch nur ein Albtraum?

Lehi packt seine Familie zusammen und flieht, und man nimmt an, dass man gerade so lange weg sein wird, bis sich die Lage beruhigt. Gott gebietet, dass sie nur das Allernötigste mitnehmen. Und tatsächlich, wenn sie vorgehabt hätten, lange von Jerusalem weg zu sein, hätte es vielleicht mehr Sinn gemacht, Wertgegenstände mitzunehmen, um Handel treiben zu können.

Nephi beschreibt die mörderische Absicht der Juden, bevor er den Traum erwähnt, und so lässt er nie Zweifel aufkommen, dass Lehis Traum tatsächlich von Gott kam. Aber offensichtlich brauchte selbst er eine Bestätigung von Gott. Und wenn Nephi selbst über prophetische Träume redet, sieht er es für notwendig an, diese immer wieder zu bestätigen, zum Beispiel indem er sagt: „Ich habe einen Traum geträumt, oder mit anderen Worten, ich habe eine Vision gesehen:“

Und Laman und Lemuel, die älter waren, waren natürlich noch zögerlicher, den Träumen Lehis zu folgen. Aber sie folgten und flohen in die Wildnis! Und während die Beiden offensichtlich noch erwarteten, bald wieder heim zu kommen, wurden die Vorräte knapp, und man musste jagen. Und dann fingen Lehi und Nephi auch noch an, davon zu reden, dass sie niemals zurückkehren würden können, und dass sie statt dessen in ein Land der Verheißung gehen sollten – dabei war doch Israel das Verheißene Land! Als nächstes kam, dass Jerusalem vernichtet werden würde (was erst 10 Jahre nach der Flucht der Familie Lehi passieren würde!)

So haben Laman und Lemuel also noch nicht mal richtig „verdaut“, dass sie nicht nur ein paar Tage in der Wildnis bleiben sollten, da kommt der Auftrag, wieder nach Jerusalem zurück zu gehen („Hätte Gott das nicht vorher gewusst? Ist das nicht ein Beweis, dass Lehi keine Visionen hat, sondern einfach nur schlecht träumt?“ könnten sie gefragt haben).

Und dann verwendet Nephi noch als Argument, dass die gesetzestreuen Juden üble Sünder seien, die bestraft werden mussten. Und dass die Nachkommen von Nephi und seinen Brüdern Schriften brauchen würden, um rechtschaffen bleiben zu können.

Das alles zeigte, dass es sich auf einmal nicht um eine kurze Reise in die Wildnis handelte, sondern dass man wohl nie wieder zurückkehren würde, um in Jerusalem, im Schatten des Tempels, zu leben. Ist das wirklich so, werden sie sich gefragt haben. Selbst nach Jahren in der Wildnis waren sie bereit, ihre Zeitgenossen in Jerusalem zu verteidigen (1Nephi 17:22). Sie weisen sogar darauf hin, dass sie vielleicht sogar ein bißchen dumm, jedenfalls leichtgläubig waren, ihrem Vater zu folgen – entgegen den Worten in Jerusalem lebender und vom König anerkannten Propheten, die Verheißungen, die David gemacht worden waren (2Sam 7:13-16; Ps 46, 48, 132:11-18), dahingehend interpretierten, dass Jerusalem nie fallen würde. Selbst Jeremia war beinahe getötet worden, weil er gegen diese vorherrschende Meinung predigte (Jer 7:1-15; 26:1-24).

Ganz offensichtlich waren Laman und Lemuel aus damaliger Sicht orthodoxe Israeliten im Mainstream der Gesellschaft. Niemals beschuldigt Nephi sie des Götzendienstes, des Brechen des Sabbats oder sonst eines der mosaischen Gebote (ausgenommen, dass sie ihm und Lehi nach dem Leben trachteten, was aus ihrer Sicht auch als Gesetzestreue verstanden werden kann), der Trunkenheit oder sonst eines moralischen Verfehlens.

Und selbst jetzt, als zwei Versuche, die Platten zu holen, schief gegangen waren, unterstützten sie Nephi. Zwar murrend, aber sie taten es (1Nephi 4:4).

Wir wissen von Jesus, dass er in einem Gleichnis widerstrebenden Gehorsam als deutlich besser darstellt, als Ungehorsam, aber das ist nicht, was Nephi tut. Für ihn ist das Widerstreben nur ein Ausdruck, wie schlecht seine Brüder im Herzen sind.

indem sie sagten

Nephi lässt Laman und Lemuel zwar hier zu Wort kommen, aber er lässt sie nur mit einer Stimme sprechen. Beide sagen einen Satz. Quer durch das Jahrzehnt in der Wildnis behält Nephi dies bei. Und er lässt sie in seiner Erzählung auch nur dann das Gute und Richtige tun, wenn sie vorher gedemütigt wurden: Durch einen Engel, oder dadurch, dass sie Nephi nicht anfassen konnten, aus Angst zu sterben und Ähnliches. Es ist in der ganzen Erzählung klar, wer die Bösen sind.

Und das ist aus seiner Sicht auch wichtig für die Erzählung und dafür, dass wir Lehren ziehen können. Jedenfalls geht es ihm – das macht er auch selbst deutlich – nicht um objektive Geschichtsschreibung im modernen Sinne, sondern darum, zu zeigen, wie Gott mit den Menschen wirkt. Er will Glauben an Gott Vater und Christus wecken.

Andererseits ist es auch interessant, von Zeit zu Zeit die Sicht zu ändern. Denn manchmal sind wir nicht die glaubenstreuen, die ganz eng auf die Worte der Propheten hören, die durch Gebet und Offenbarung Bestätigung und Verständnis erlangen. Manchmal sind wir selbstgerecht. Manchmal halten wir uns an den Mainstream. Manchmal sind wir im Irrtum und glauben, gerechtfertigt zu sein.

Es tut gut, sich manchmal zu fragen, „Bin ich es“?

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