1Nephi 4:5-7

5 Und es war des Nachts; und ich bewirkte, dass sie sich außerhalb der Mauer verstecken sollten. Und nachdem sie sich versteckt hatten, schlich ich, Nephi, in die Stadt und ging voran zum Haus Labans.

6 Und ich war vom Geist geführt, nicht im Vorhinein die Dinge wissend, die ich tun sollte.

7 Dennoch ging ich voran, und als ich nahe zu dem Haus Labans kam, sah ich einen Mann, und er war vor mir zur Erde gefallen, denn er war trunken vom Wein.

Kommentar

Textvarianten

Mauer oder Mauern?

Die Phrase „außerhalb der Mauer“ kommt im 4. Nephi drei Mal vor: Verse 5, 24 und 27. In allen steht im Originalmanuskript die Einzahl „Mauer“, bei allen wurde später auf „Mauern“ ausgebessert. Die Handschriften dieser Verse im Originalmanuskript stammen von den Schreibern 2 (Vers 4) und 3 (Verse 24 und 27). Von Schreiber 2 wissen wir, dass er das englische Plural-s oft vergessen hat. Schreiber 3 hat dies in 4 anderen Fällen getan, und in 3 weiteren hat er es zwar vergessen, aber sofort ausgebessert.

Es könnte also sein, dass hier der Plural gemeint ist und es sich um einen Fehler des Schreibers handelt, vor allem, da wir in Vers 4 ganz klar „Mauern“ stehen haben. Weiters gibt es außer diesen Stellen noch 3 andere, in denen die Phrase „außerhalb der Mauern“ (Plural) vorkommt.

Im Gegensatz zu den Stellen in 1Nephi 4 folgt bei den anderen 3 Stellen eine nähere Erklärung, z.B: „außerhalb der Mauern von Jerusalem“ (without the walls of Jerusalem – 1Nephi 4:4) oder „außerhalb der Mauern der Stadt“ (without the walls of the city – Mosia 21:19).

Die gleiche Situation haben wir bei der Phrase „außerhalb des Tores“/„außerhalb der Tore“ (Mosia 7:10 und Mosia 21:23).

Royal Skousen schließt daher, dass hier die Einzahl „Mauer“ im Original berechtigt ist.

Parallelismus

Mit Vers 5 beginnt wieder eine große Struktur, die bis Vers 24 geht, also den ganzen

Ausflug Nephis nach Jerusalem umschließt, bis er Zoram befiehlt, mit ihm vor die Mauern zurückzukehren. Das Zentrum und der Wendepunkt sind die Gebote Gottes in den Versen 14 bis 16, in dem auf das Halten der Gebote und die zentrale Bedeutung davon hingewiesen wird. Wenn man den Text ohne Chiasmus/Parallelismus liest, dann mag es erscheinen, als läge der Höhepunkt darin, dass Nephi den Laban erschlägt, oder darin, dass Nephi Zweifel daran hat, ob er das tatsächlich tun soll, oder im Gebot des Heiligen Geistes, aber die literarische Struktur offenbart, dass im Zentrum der Geschichte das Befolgen der Gebote steht, und zwar für Nephis Nachkommen.

Inhalt

Ich wusste nicht

Brant Gardner weist darauf hin, dass Nephi zwar nicht wusste, was er tun würde, aber deswegen ist er doch nicht gedankenlos, quasi ferngesteuert, los marschiert, sondern er ist zum Haus Labans gegangen, wo es am Wahrscheinlichsten war, dass er Laban antrifft.

er war vor mir zur Erde gefallen

Es ist im Text nicht eindeutig, ob Nephi einen auf dem Boden liegenden Laban findet, oder ob er Laban fallen sieht.

Er war trunken vom Wein

Man unterschiedet üblicherweise vier Stufen der Trunkenheit:

  1. Fröhlichkeit (Euphorie), Rededrang, Selbstgefühlsteigerung.
  2. Kurzdauernde symptomatische Psychose mit verminderter Schmerzempfindlichkeit, Bewegungsdrang mit Bewegungsstörungen (zerebellare Ataxie), Spracherschwernis, psychischer Enthemmung, Denkstörung, Gedächtnisverlust, evtl. auch Unterkühlung.
  3. Vollrausch mit Störung der Ziel- und Haltemotorik.
  4. Koma

Im Alten Testament gibt es über hundert Stellen, die sich mit Trunkenheit auseinandersetzen. Dabei ist nicht nur Wein als Rauschmittel erwähnt.

Trunkenheit wird im Alten Testament nicht nur negativ gesehen. Wenn zum Beispiel die erfreulichen Umstände eines Volksfestes durch Weingenuss intensiviert wird, gibt es keine Kritik. Wenn Trunkenheit aber den Blick auf die Realität trübt, wird sie zur Gefahr. So schreibt auch Manuel Dubach auf Seite 288 seines Buches über Trunkenheit im Alten Testament: „Die durch den Rausch beschränkte (Ein-)Sicht verunmöglicht dem Menschen ein Erkennen göttlichen Wirkens; das Nicht-Erkennen einer von Gott durchdrungenen Realität mündet letztlich in eine Leugnung Gottes. Handelt es sich bei den in ihren Fähigkeiten beschränkten Menschen um Verantwortungsträger, hat dies verheerende Konsequenzen. Insbesondere für religiöse Autoritäten, wie sie die Priester und Propheten darstellen, sind weinselige Ausschweifungen mit einer akkuraten Amtsausübung nicht zu vereinbaren. Die in Mesopotamien anklingende Vorstellung, dass sich Gott und Mensch im Rausch aufeinander zu bewegen, kennt die Hebräische Bibel nicht. So ist auch ein im trunkenen Zustand angestrebter Offenbarungsempfang für die alttestamentliche Vorstellungswelt nicht denkbar. Der Kontakt mit der Sphäre des Göttlichen verlangt nach Nüchternheit. Anders als der Rechabiter, dessen Weinverzicht in einer grundsätzlichen Ablehnung der sesshaften Kultur gründet, sucht der Nasiräer deshalb mittels Alkoholabstinenz eine heilige Existenz fernab von bewusstseinstrübenden Genüssen.“

Besonders Jesaja 5:11,12 kommt als Verurteilung der Trunkenheit hier in den Sinn, wo das Sich Berauschen im Gegensatz zum Erkennen des Willens Gottes steht, so wie Laban sich mit den geistigen Führern der Juden bewusstlos säuft, statt auf Gott zu hören. Vielleicht dachte Nephi auch an Jesaja 22:13, eine Stelle, die er später auch in 2Nephi 28:7 mit eigenen Worten widergibt. Tatsächlich: Am nächsten Tag war Laban tot. Vielleicht dachte Nephi aber auch an Jesaja 28:1-7, wo die geistige Elite in Israel, besonders die Nachkommen Josephs, dafür gerügt werden, dass sie sich bei ihrer Rechtsprechung und bei der Art, wie sie das Volk führen, vom Alkohol und dem Genuß leiten lassen, statt auf Gott zu hören.

Indem Nephi vom betrunkenen Laban redet, bereitet er aber auch das vor, was noch kommen wird: Laban hat sich selbst gerichtet.

1Nephi 4:4

4 Nun, als ich diese Worte gesprochen hatte, waren sie, jeder einzelne von ihnen, noch immer erzürnt, und fuhren noch immer fort zu murren; dennoch folgten sie mir hinauf, bis wir zu den Mauern Jerusalems kamen.

Kommentar

Textvarianten

Waren sie noch immer erzürnt

Im Original steht hier „they was“ (Mehrzahl Subjekt, Einzahl Verb). Es gibt im Buch Mormon einige solche grammatikalisch problematische Vorkommnisse von Mehrzahl und widersprüchlicher Einzahl. In manchen Fällen kann das auf den Dialekt der Schreiber zurückgeführt werden. Es gibt auch Fälle, in denen der Schreiber die grammatikalisch richtige Form schrieb und dann ausbesserte, was entweder auf Josephs Sprechweise zurückzuführen ist, oder aber auf solche Form in der Originalsprache, denn:

Im Hebräischen und in anderen alten Sprachen gibt es diese Form, und sie bedeutet dann, dass jeder einzelne der Gruppe etwas tat.

Ich halte letzeres für die wahrscheinlichste Möglichkeit und habe entsprechend übersetzt.

Nephi will dadurch darauf hinweisen, wie sehr seine Brüder sich im Murren einig waren, gleichzeitig aber auch, dass nicht nur Laman gemurrt hat, und Lemuel (und Sam?) nicht nur einfach still waren.

Inhalt

Die Wirkung von Nephis Worten

Interessanter Weise bewirken Nephis Worte mehr als die eines Engels: Die Brüder kommen mit.

Dennoch murren die Brüder weiter. Mit Nephi neigen wir dazu, dies als einen Beweis für die Widersetzlichkeit der Brüder zu sehen. Aber denken wir an Jesu Gleichnis von den ungleichen Söhnen (Matthäus 21:28-32). Der eine Sohn verspricht, etwas zu tun, tut es aber nicht. Der zweite weigert sich, tut es aber dann doch. Offensichtlich sagt uns Jesus hier, dass widerstrebendes Handeln doch besser ist, als nicht zu handeln und leere Versprechungen zu machen. Andererseits denken wir hier aber auch an LuB 58:26, wo verheißen ist, dass jemand, dem in allem geboten werden muss und dann nur halbherzig handelt, keinen Lohn zu erwarten hat.

Vielleicht ist es gut, wenn wir bei uns selbst nach LuB 58 vorgehen, in der Beurteilung anderer Menschen jedoch nach dem Gleichnis der ungleichen Söhne.

Mauern Jerusalems

Josephs Schreiber für diesen Vers ist Oliver Cowdery. Emma Smith war anwesend. Sie beschreibt die Begebenheit so:

Als mein Ehemann das Buch Mormon übersetzte, schrieb ich einen Teil davon, wie er jeden Satz diktierte, Wort für Wort, und wenn er zu Eigennamen kam, die er nicht aussprechen konnte, oder lange Wörter, dann buchstabierte er sie, und wenn ich sie schrieb, wenn ich in der Rechtschreibung irgendeinen Fehler machte, unterbrach er mich und korrigierte meine Rechtschreibung, obwohl es für ihn unmöglich war, zu sehen, wie ich sie zu diesem Zeitpunkt niederschrieb. Selbst das Wort Sariah konnte er zunächst nicht aussprechen, sondern mußte es buchstabieren, und ich sprach es für ihn aus.

Wenn er aus irgendeinem Grund zu irgendeiner Zeit eine Pause machte und dann wieder fortfuhr, began er dort, wo er aufgehört hatte, ohne zu zögern, und einmal, als er übersetzte, unterbrach er plötzlich, weiß wie eine Wand, und sagte: ‘Emma, hatte Jerusalem Mauern um die Stadt herum?‘ Als ich „Ja“ antwortete, antwortete er: „Oh! Ich wußte das nicht. Ich habe gefürchtet, daß ich getäuscht worden war.” Er hatte zu dieser Zeit ein so eingeschränktes Wissen von Geschichte, dass er nicht einmal wußte, dass Jerusalem von Stadtmauern umgeben war.

David Whitmer erzählt die gleiche Geschichte, offensichtlich jedoch vom Hörensagen, und er fügt ein, dass Joseph erst beruhigt war, als man ihm aus der Bibel zeigte, dass Jerusalem Mauern hatte. Ob Emma nicht alles erzählt hat, oder ob David hier die Erzählung, bewusst oder unbewusst, ausgeschmückt hat, wissen wir nicht.

1Nephi 4:3

3 Nun siehe, ihr wisst, dass dies wahr ist; und ihr wisst auch, dass ein Engel zu euch gesprochen hat, warum könnt ihr Zweifeln? Lasst uns hinaufgehen; der Herr ist fähig, uns zu erlösen, gerade so wie unsere Väter, und Laban zu vernichten, gerade so, wie die Ägypter.

Kommentar

Sprachlich

Parallelismus

Nun siehe, ihr wisst, das dies wahr ist; und ihr wisst auch, dass ein Engel zu euch gesprochen hat, aus welchem Grund könnt ihr Zweifeln? Lasst uns hinaufgehen (Epibole);

der Herr ist fähig,

…uns zu erlösen,

……gerade so wie unsere Väter,

…und Laban zu vernichten,

……gerade so, wie die Ägypter. (Gegensätzliche Gedanken)

Epibole

Eine häufige Wiederholung, die aber keinem festen Muster untergeordnet ist, dient der Steigerung. Jedes Mal, wenn Nephi sagt: „Lasst uns hinaufgehen“ steigert er den Nachdruck.

Gegensätzliche Gedanken

Nephi führt hier von der Sprache her parallel: Er und seine Brüder entsprechen Moses und dem Volk Israel, Laban entspricht den Ägyptern. Gott erlöst das Volk Israel, Gott vernichtet die Ägypter.

Damit bereitet Nephi den Leser darauf vor, zu akzeptieren, dass Laban sterben mußte.

Gleichzeitig macht er aber den Unterschied klar: Auch im Volk Israel gab es den Propheten, der den Willen Gottes kannte und rechtschaffen war, und das Volk, das bei jeder Gelegenheit murrte und abwich. Ebenso ist er nun Moses, und seine Brüder das murrende Volk, das lieber zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehren möchte und nicht glauben kann, dass Gott tatsächlich treu ist. Wie Israel wird Nephi seine Brüder immer wieder darauf hinweisen lassen, dass der Prophet sie in die Wildnis geführt hat, wo sie sterben werden, während sie doch vor Beginn der Reise in Sicherheit waren.

Inhalt

Warum könnt ihr zweifeln

Es ist interessant, dass Nephi nicht fragt: „Warum zweifelt ihr?“ sondern „warum könnt ihr zweifeln“? Er sieht sie nicht als unfähig zu glauben, sondern er ist erstaunt über ihre Fähigkeit, angesichts der Beweise zu zweifeln.

Lasst uns stark sein

Wie David E. Bokovoy aufzeigt, wird die Phrase „sei stark“ im alten Nahen Osten und auch in der Bibel immer wieder verwendet. Sie drückt dort meist aus, dass man mutig sein soll und wird in erster Linie in militärischem Zusammenhang verwendet.

Nephi setzt sie als Gegenpunkt zu den Zweifeln seiner Brüder. Ja, diese sind eine Fähigkeit, doch im Zusammenhang damit, hier konkret etwas tun zu sollen, ist es eine Schwäche, der eine bewußte Entscheidung entgegen gesetzt werden soll, nähmlich die, zu glauben und stark zu sein.

1Nephi 4:2

2 Darum lasst uns hinaufgehen; lasst uns stark sein gleich wie Moses; denn er sprach wahrhaftig zu den Wassern des Roten Meeres und sie teilten sich hierhin und dorthin, und unsere Väter kamen durch, aus der Gefangenschaft, auf trockenem Boden, und die Armeen des Pharaoh folgten und wurden in den Wassern des Roten Meeres ertränkt.

Kommentar

Inhalt

Gleich wie Moses

Nachdem Nephi seine Erzählung nach dem Schema von „Joseph und seine Brüder“ aufbaut, wobei er sich selbst als Joseph darstellt, der auserkoren ist über seine Brüder zu herrschen, die darüber ärgerlich sind und ihn fesseln und umbringen wollen, spricht er sie hier auf Moses an, der für das damalige Establishment in Israel (und für Nephis konformistische Brüder) wichtiger war, als jeder andere Prophet.

Wenn wir nun die Geschichte des Moses mit der von Nephi vergleichen, so finden wir hier ebenso einen Propheten, dessen Volk und Brüder widerwillig und unter viel Murren folgen. Nephi macht hier wiederum deutlich, wer seiner Erzählung Moses nachfolgt, und wer dem murrenden Volk.

Rotes Meer

Im Jahr 1965 publizierte der Alttestamentler Norman H. Snaith (The Sea of Reeds: The Red Sea) seine Vermutung, dass das Volk Israel nicht das Rote Meer überquerten, sondern dass die hebräischen Worte yam sûp besser als „Schilfmeer“ übersetzt werden sollten. Rotes Meer wäre „yam adam“. Die Gleichsetzung von yam sûp wäre erst viel später geschehen.

Von daher meinen nun manche Gegner des Buches Mormon, dass es sich hierbei um einen Fehler handelt, der aus der King James Bibel weitergetragen wurde. In einem von Gott durch Offenbarung gegebenen Buch kann es keinen Fehler geben, und daher wäre das Buch Mormon nicht von Gott durch Offenbarung gegeben.

Sie übersehen dabei aber, dass Snaith selbst schrieb, dass die Gleichsetzung von yam sûp mit dem Roten Meer in deuteronomistischer Zeit passierte, also in der Reform Joschijas. Für Nephi war es daher so oder so selbstverständlich, anzunehmen, dass Moses das Volk durch das Rote Meer führte.

Nephis Worte sind also nicht eine Darlegung des Faktums, wo das Volk Israel das Meer überquerte, sondern nur eine Erklärung des Wunders, so wie es ihm und seinen Brüdern bekannt war.

Eine ähnliche Situation haben wir auch im Neuen Testament, das an vielen Stellen die Septuaginta-Übersetzung des Alten Testamentes voraussetzt und zitiert, auch wenn die meisten Bibeln heute vom Masoretischen Text ausgehen, der von der Septuaginta deutlich abweicht.

Weiters wurde Snaith’s Vermutung widerlegt. Bernard F. Batto weist in seinem Artikel „Red Sea or Reed Sea?: How the Mistake Was Made and What Yam Sûp Really Means“ (Biblical Archaeology Review 10:4 (July/August 1984): 56–63) nach, daß Yam Sûp verwendet wurde, um das Meer zu beschreiben, das die umgebende Geographie abgrenzt, und zwar sowohl für das Rote Meer, als auch für den Persischen Golf und den Indischen Ozean.

Selbst wenn „Rotes Meer“ definitiv falsch wäre und selbst wenn Nephi das gewußt hätte: Wenn Nephi hier „Schilfmeer“ geschrieben hätte, dann hätte von 1830 bis 1965 kein Leser dies verstanden. Es wäre also unsinnig, hier etwas Anderes zu erwarten, als Nephi geschrieben und Joseph Smith übersetzt hat.

Andererseits ist dies auch ein gutes Beispiel für ein Prinzip, das Brigham Young erklärt hat:

„…ich glaube nicht einmal, dass es eine einzige Offenbarung gibt, unter den vielen, die Gott der Kirche gegeben hat, die in ihrer Fülle vollkommen ist. Die Offenbarungen Gottes enthalten korrekte Lehre und Prinzipien, so weit sie gehen; aber es ist unmöglich für die armen, schwachen, niederen, kriechenden, sündigen Einwohner der Erde, eine Offenbarung des Allmächtigen in all ihrer Vollkommenheit zu empfangen. Er muß zu uns in einer Weise sprechen, das dem Ausmaß unserer Fähigkeiten entspricht….
Wenn ein Engel diese Versammlung besuchen würde, oder einen Einzelnen daraus, und die Sprache verwenden würde, die er ihm Himmel verwendet, was würden wir davon profitieren? Gar nichts, denn wir würden nicht ein Wort von dem verstehen, was er sagt.“

1Nephi 4:1

1 Und es begab sich, daß ich zu meinen Brüdern sprach, indem ich sagte: Lasst und wieder hinauf gehen nach Jerusalem, und lasst uns glaubenstreu sein im Halten der Gebote Gottes; denn siehe er ist mächtiger als die ganze Erde, dann warum nicht auch mächtiger denn Laban seine fünfzig, oder gar denn seine zehntausenden?

Kommentar

Varianten

Denn statt als

Drei der Schreiber des Buches Mormon schrieben oftmals statt dem englischen „than“ (als) „then“ (dann). Die gleichen Schreiber verwendeten aber auch „than“. Sprachlich gesehen haben beide Worte die gleiche Abstammung, und auch im älteren Deutschen wird gibt es ein verwandtes Wort für den Vergleich, nämlich „denn“. Da wir nicht wissen, ob es sich um einen einfachen Fehler handelt, oder um eine absichtliche altertümliche Verwendung, verwende ich in diesen Fällen das deutsche „denn“.

Kal vaChomer meforash

(vom Größeren auf das Kleinere und umgekehrt)

Dies ist eine Erweiterung der Regel, die wir bei 1Nephi 3:31 besprochen haben. Es handelt sich um eine Rückbesinnung vom Größeren auf das Kleinere und wieder auf das Größere. „Wenn Gott mächtiger ist, als die Erde (das Größere), dann ist er auch mächtiger als Laban und seine fünzig (das kleinere), und selbst, wenn er zehntausende (das Größere) hätte, wäre Gott noch mächtiger.“, wobei das zweite Größere noch immer kleiner ist, als das erste.

Inhalt

Seine zehntausenden

Sicherlich konnte Laban, ein Militärkommandant, über mehr Kämpfer gebieten, als nur über fünfzig. Diese fünfzig stellen die permanente Besatzung einer Garnison dar, und nur über diese mußten sich Lehis Söhne Sorgen machen. Der Rest war im Feld und daher zu weit weg, um relevant zu sein. Ob ein Militärkommandant damals tatsächlich zehntausende Soldaten unter sich hatte, ist jedoch strittig. (siehe Hugh Nibley)

1Nephi 3:31

31 Und nachdem der Engel sich entfernt hatte, begannen Laman und Lemuel wieder zu murren, indem sie sagten: Wie ist es möglich, dass der Herr Laban in unsere Hände ausliefern wird? Siehe, er ist ein mächtiger Mann, und er kann fünfzig befehligen, ja, er kann sogar fünfzig erschlagen; warum also nicht uns?

Kommentar

Textliches

Kapiteltrennung

In der Ausgabe von 1830 ist hier kein Kapitelende.

Parallelismus

Und nachdem der Engel sich entfernt hatte, begannen Laman und Lemuel wieder zu murren, indem sie sagten: Wie ist es möglich, dass der Herr Laban in unsere Hände ausliefern wird? Siehe, er ist ein mächtiger Mann,
…und er kann fünfzig befehligen,
…ja, er kann sogar fünfzig erschlagen;
warum also nicht uns?

Der Nummernparallelismus wird hier verwendet, um das grundsätzliche Thema des Verses zu verstärken und auszuschmücken. Der Autor führt damit aus, dass Laban „ein mächtiger Mann“ ist, tatsächlich kann er sogar fünfzig töten.

Kal vaChomer

Rabbi Hillel der Ältere (Hillel ha-zaqen; * um 110 v. Chr.; † um 9 n. Chr.) hat die damals üblichen Auslegungsregeln zusammengefasst. Diese sind als die Schiw‘a Midoth (oder 7 Auslegungsregeln) bekannt. Eine davon lautet „vom Kleineren auf das Größere schließen“ (Kal vaChomer). Diese geht nach dem Grundsatz „wenn schon x, um wie viel mehr dann x+1“.

Inhalt

Murren

Es ist interessant, dass Laman und Lemuel hier einen Engel sehen, aber anstatt dass sie verwundert über dieses wunderbare Ereignis sind, anstatt dass sie umkehren und darüber sprechen, was das nun bedeutet und was sie tun können, spielen sie sofort das Erlebte herunter und finden Gründe, warum das alles nicht funktionieren kann.

Wir wissen nicht, ob sie davor schon einen Engel gesehen haben, jedenfalls reagieren sie bei Weitem nicht so überrascht, wie wir es erwarten würden. Das Erscheinen eines Engels selbst macht ihnen anscheinend keine Probleme.

Wir wissen, dass Laman und Lemuel oft murrten, und doch ist das hier etwas schockierend: Wenn sie gegen ihren Vater und jüngeren Bruder murren, ist das eine Sache. Gegen einen Engel des Herrn zu murren, ist jedoch ein Wenig extrem.

Nephi schreibt dies 30 Jahre später, aus einer politischen Situation, wo seine Leute und die Leute von Laman und Lemuel sich in einer Serie von Kriegen befinden, wo er begründen muß, warum er, und nicht Laman, der rechtmäßige Führer des Volkes ist. Er bemüht sich daher, Laman und Lemuel in einem schlechten Licht dastehen zu lassen, als hartherzige Skeptiker, die sich nicht einmal von einem Engel überzeugen lassen.

Und tatsächlich erleben wir immer wieder, dass jemand sogar sagt, „wenn das und das Wunder passiert, dann will ich glauben!“, und es geschieht, sie glauben aber nicht, sondern deuten es weg.

Man könnte diese Geschichte aber auch in einer Weise rekonstruieren, in der ihr Zögern vernünftig, ihr Glaube orthodox und ihre Handlungen zu einem gewissen Teil diesem Glauben entsprechend sind.

Versuchen wir das mal: Lehi träumt davon, dass man ihn umbringen will. Hier fangen die Probleme an. Es ist eine Sache, dass die Menschen in Jerusalem auf Lehi wütend waren. Aber als Beweis dafür, dass man ihn wirklich töten will, hat der Familienvater anscheinend nur einen Traum. Und dass Träume damals nicht als so vertrauenswürdig galten, das haben wir schon erwähnt. War es wirklich Gottes Offenbarung, oder doch nur ein Albtraum?

Lehi packt seine Familie zusammen und flieht, und man nimmt an, dass man gerade so lange weg sein wird, bis sich die Lage beruhigt. Gott gebietet, dass sie nur das Allernötigste mitnehmen. Und tatsächlich, wenn sie vorgehabt hätten, lange von Jerusalem weg zu sein, hätte es vielleicht mehr Sinn gemacht, Wertgegenstände mitzunehmen, um Handel treiben zu können.

Nephi beschreibt die mörderische Absicht der Juden, bevor er den Traum erwähnt, und so lässt er nie Zweifel aufkommen, dass Lehis Traum tatsächlich von Gott kam. Aber offensichtlich brauchte selbst er eine Bestätigung von Gott. Und wenn Nephi selbst über prophetische Träume redet, sieht er es für notwendig an, diese immer wieder zu bestätigen, zum Beispiel indem er sagt: „Ich habe einen Traum geträumt, oder mit anderen Worten, ich habe eine Vision gesehen:“

Und Laman und Lemuel, die älter waren, waren natürlich noch zögerlicher, den Träumen Lehis zu folgen. Aber sie folgten und flohen in die Wildnis! Und während die Beiden offensichtlich noch erwarteten, bald wieder heim zu kommen, wurden die Vorräte knapp, und man musste jagen. Und dann fingen Lehi und Nephi auch noch an, davon zu reden, dass sie niemals zurückkehren würden können, und dass sie statt dessen in ein Land der Verheißung gehen sollten – dabei war doch Israel das Verheißene Land! Als nächstes kam, dass Jerusalem vernichtet werden würde (was erst 10 Jahre nach der Flucht der Familie Lehi passieren würde!)

So haben Laman und Lemuel also noch nicht mal richtig „verdaut“, dass sie nicht nur ein paar Tage in der Wildnis bleiben sollten, da kommt der Auftrag, wieder nach Jerusalem zurück zu gehen („Hätte Gott das nicht vorher gewusst? Ist das nicht ein Beweis, dass Lehi keine Visionen hat, sondern einfach nur schlecht träumt?“ könnten sie gefragt haben).

Und dann verwendet Nephi noch als Argument, dass die gesetzestreuen Juden üble Sünder seien, die bestraft werden mussten. Und dass die Nachkommen von Nephi und seinen Brüdern Schriften brauchen würden, um rechtschaffen bleiben zu können.

Das alles zeigte, dass es sich auf einmal nicht um eine kurze Reise in die Wildnis handelte, sondern dass man wohl nie wieder zurückkehren würde, um in Jerusalem, im Schatten des Tempels, zu leben. Ist das wirklich so, werden sie sich gefragt haben. Selbst nach Jahren in der Wildnis waren sie bereit, ihre Zeitgenossen in Jerusalem zu verteidigen (1Nephi 17:22). Sie weisen sogar darauf hin, dass sie vielleicht sogar ein bißchen dumm, jedenfalls leichtgläubig waren, ihrem Vater zu folgen – entgegen den Worten in Jerusalem lebender und vom König anerkannten Propheten, die Verheißungen, die David gemacht worden waren (2Sam 7:13-16; Ps 46, 48, 132:11-18), dahingehend interpretierten, dass Jerusalem nie fallen würde. Selbst Jeremia war beinahe getötet worden, weil er gegen diese vorherrschende Meinung predigte (Jer 7:1-15; 26:1-24).

Ganz offensichtlich waren Laman und Lemuel aus damaliger Sicht orthodoxe Israeliten im Mainstream der Gesellschaft. Niemals beschuldigt Nephi sie des Götzendienstes, des Brechen des Sabbats oder sonst eines der mosaischen Gebote (ausgenommen, dass sie ihm und Lehi nach dem Leben trachteten, was aus ihrer Sicht auch als Gesetzestreue verstanden werden kann), der Trunkenheit oder sonst eines moralischen Verfehlens.

Und selbst jetzt, als zwei Versuche, die Platten zu holen, schief gegangen waren, unterstützten sie Nephi. Zwar murrend, aber sie taten es (1Nephi 4:4).

Wir wissen von Jesus, dass er in einem Gleichnis widerstrebenden Gehorsam als deutlich besser darstellt, als Ungehorsam, aber das ist nicht, was Nephi tut. Für ihn ist das Widerstreben nur ein Ausdruck, wie schlecht seine Brüder im Herzen sind.

indem sie sagten

Nephi lässt Laman und Lemuel zwar hier zu Wort kommen, aber er lässt sie nur mit einer Stimme sprechen. Beide sagen einen Satz. Quer durch das Jahrzehnt in der Wildnis behält Nephi dies bei. Und er lässt sie in seiner Erzählung auch nur dann das Gute und Richtige tun, wenn sie vorher gedemütigt wurden: Durch einen Engel, oder dadurch, dass sie Nephi nicht anfassen konnten, aus Angst zu sterben und Ähnliches. Es ist in der ganzen Erzählung klar, wer die Bösen sind.

Und das ist aus seiner Sicht auch wichtig für die Erzählung und dafür, dass wir Lehren ziehen können. Jedenfalls geht es ihm – das macht er auch selbst deutlich – nicht um objektive Geschichtsschreibung im modernen Sinne, sondern darum, zu zeigen, wie Gott mit den Menschen wirkt. Er will Glauben an Gott Vater und Christus wecken.

Andererseits ist es auch interessant, von Zeit zu Zeit die Sicht zu ändern. Denn manchmal sind wir nicht die glaubenstreuen, die ganz eng auf die Worte der Propheten hören, die durch Gebet und Offenbarung Bestätigung und Verständnis erlangen. Manchmal sind wir selbstgerecht. Manchmal halten wir uns an den Mainstream. Manchmal sind wir im Irrtum und glauben, gerechtfertigt zu sein.

Es tut gut, sich manchmal zu fragen, „Bin ich es“?