1Nephi 3:29,30

29 Und es begab sich, als sie uns mit einer Rute schlugen, kam ein Engel des Herrn und stand vor ihnen, und er sprach zu ihnen, indem er sagte: Warum schlagt ihr euren jüngeren Bruder mit einer Rute? Wisst ihr nicht, dass der Herr ihn erwählt hat, ein Herrscher über euch zu sein, und dies wegen eurer Missetaten? Siehe, ihr sollt wieder nach Jerusalem hinaufgehen, und der Herr wird Laban in deine Hände ausliefern.

30 Und nachdem der Engel zu uns gesprochen hatte, entfernte er sich.

Kommentar

Varianten

Warum schlagt ihr euren jüngeren Bruder mit einer Rute?

Im Originalmanuskript schrieb der unbekannte Schreiber 2 zuerst „euren jüngeren Bruder“. Oliver Cowdery kopierte dann „eure jüngeren Brüder“ ins Druckermanuskript, besserte sich dann aber aus. Wir wissen, dass der Schreiber 2 oftmals das Mehrzahl-„s“ vergessen hatte, so ist es auch hier argumentierbar. Allerdings redet der nächste Satz, der sich auf diesen bezieht, nur von Nephi, nicht von Sam. Daher ist aus dem Zusammenhang erschließbar, dass hier die Einzahl richtig ist.

der Herr wird Laban in deine Hände ausliefern.

Tatsächlich steht hier „in deine Hände“, aber das englische Buch Mormon mischt oftmals „ihr“ (ye) und Du (you) in einem Satz. Dies ist einerseits im älteren Englisch möglich (Plural-Verwendung des Einzahl-Du). Andererseits gibt es diese Mischung auch im Hebräischen, wo es etwa „ihr, jede einzelne von euch“ bedeutet.

Eine andere Interpretation wäre, dass alle Brüder nach Jerusalem hinaufgehen sollten, aber wenn es darum geht, dass Laban jemandem in die Hände ausgeliefert wird, spricht der Engel zu Nephi allein.

Inhalt

als sie uns mit einer Rute schlugen

Im Altertum war die Rute/der Stab (das englische Wort „rod“ heißt „Rute, Stab, Stange“) ein Zeichen der Autorität. Im alten Rom wurden vor den Konsuln Rutenbündel getragen, die sogenannten Fasces(in denen auch ein Beil steckte). Von diesen Bündeln leitet sich später der Begriff Faschist ab.

Im alten Nahen Osten sind König und Herrscher Träger einer Rute oder eines Hirtenstabes, der wiederum auch von Königen und hohen Priestern getragen wurde. Denken wir an den Stab Aarons, zum Beispiel. Aber auch Hammurapi wird mit einem Stab dargestellt.

Wie Hugh Nibley ausührt, trug damals jeder freie Mann als Zeichen der politischen Unabhängigkeit eine Rute/einen Stab mit sich. Und die damals übliche Bezeichnung für einen Untergebenen in Assyrien war „abd-el-‘asa“, zu deutsch „Rutendiener“. Mit Rutenschlägen drückt man aus, dass man höher gestellt ist als der, der geschlagen wird.

Dass Laman und Lemuel seine Brüder mit der Rute schlug, mag also ein Versuch sein, seine Dominanz über die beiden jüngeren zu beweisen oder wiederherzustellen, nachdem er Nephi bei diesem – aus seiner Sicht – unglücklichen Unterfangen unterstützt hatte.

kam ein Engel des Herrn

Der Herr hätte viele Möglichkeiten gehabt, Laman und Lemuel daran zu hindern, ihre Brüder zu schlagen. Ein Sturmwind oder (wie an anderer Stelle) mehr Kraft für Nephi hätten die Sache erledigen können. Und offensichtlich hinterließ das Erscheinen des Engels keinen bleibenden Eindruck auf Laman und Lemuel, so können wir davon ausgehen, dass der Engel nicht um ihretwillen erschienen ist, sondern eher, um Nephi zu versichern, dass er auf dem richtigen Weg war und das Gebot Gottes, aber auch sein Bund mit Gott, noch immer aufrecht waren.

Gleichzeitig ist dies aber auch der direkte Gegenpol zu Lamans Versuch, seine Vorherrschaft zu beweisen.

Brant Gardner schlägt vor, dass Nephi seinen Brüdern noch nicht gesagt hat, dass der Herr ihn zum Herrscher und Nachfolger Lehis eingesetzt hat. Nach Lehis Tod arbeiteten Laman und Lemuel dann gezielt gegen diese Vorhersage Gottes.

Unter diesem Gesichtspunkt wird die Geschichte von den Messingplatten zu einem Wendepunkt: Nephis Vorherrschaft wird seinen Brüdern hier, am dunkelsten Punkt des Unternehmens, verkündet. Gleichzeitig wird ihnen ihre Frevelhaftigkeit unter die Nase gerieben. Beides Dinge, die nicht geeignet waren, langfristig dafür zu sorgen, dass sie sich demütigen und umkehren.

Wir fühlen uns in dieser Geschichte aber auch ganz stark an die Erzählung von Joseph, dem Sohn Isaaks erinnert: So wie Joseph erfährt Nephi von Gott, dass er über seine Brüder herrschen soll, und wie die Söhne Isaaks sind Lehis Söhne davon alles andere als begeistert.

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