1Nephi 3:29,30

29 Und es begab sich, als sie uns mit einer Rute schlugen, kam ein Engel des Herrn und stand vor ihnen, und er sprach zu ihnen, indem er sagte: Warum schlagt ihr euren jüngeren Bruder mit einer Rute? Wisst ihr nicht, dass der Herr ihn erwählt hat, ein Herrscher über euch zu sein, und dies wegen eurer Missetaten? Siehe, ihr sollt wieder nach Jerusalem hinaufgehen, und der Herr wird Laban in deine Hände ausliefern.

30 Und nachdem der Engel zu uns gesprochen hatte, entfernte er sich.

Kommentar

Varianten

Warum schlagt ihr euren jüngeren Bruder mit einer Rute?

Im Originalmanuskript schrieb der unbekannte Schreiber 2 zuerst „euren jüngeren Bruder“. Oliver Cowdery kopierte dann „eure jüngeren Brüder“ ins Druckermanuskript, besserte sich dann aber aus. Wir wissen, dass der Schreiber 2 oftmals das Mehrzahl-„s“ vergessen hatte, so ist es auch hier argumentierbar. Allerdings redet der nächste Satz, der sich auf diesen bezieht, nur von Nephi, nicht von Sam. Daher ist aus dem Zusammenhang erschließbar, dass hier die Einzahl richtig ist.

der Herr wird Laban in deine Hände ausliefern.

Tatsächlich steht hier „in deine Hände“, aber das englische Buch Mormon mischt oftmals „ihr“ (ye) und Du (you) in einem Satz. Dies ist einerseits im älteren Englisch möglich (Plural-Verwendung des Einzahl-Du). Andererseits gibt es diese Mischung auch im Hebräischen, wo es etwa „ihr, jede einzelne von euch“ bedeutet.

Eine andere Interpretation wäre, dass alle Brüder nach Jerusalem hinaufgehen sollten, aber wenn es darum geht, dass Laban jemandem in die Hände ausgeliefert wird, spricht der Engel zu Nephi allein.

Inhalt

als sie uns mit einer Rute schlugen

Im Altertum war die Rute/der Stab (das englische Wort „rod“ heißt „Rute, Stab, Stange“) ein Zeichen der Autorität. Im alten Rom wurden vor den Konsuln Rutenbündel getragen, die sogenannten Fasces(in denen auch ein Beil steckte). Von diesen Bündeln leitet sich später der Begriff Faschist ab.

Im alten Nahen Osten sind König und Herrscher Träger einer Rute oder eines Hirtenstabes, der wiederum auch von Königen und hohen Priestern getragen wurde. Denken wir an den Stab Aarons, zum Beispiel. Aber auch Hammurapi wird mit einem Stab dargestellt.

Wie Hugh Nibley ausührt, trug damals jeder freie Mann als Zeichen der politischen Unabhängigkeit eine Rute/einen Stab mit sich. Und die damals übliche Bezeichnung für einen Untergebenen in Assyrien war „abd-el-‘asa“, zu deutsch „Rutendiener“. Mit Rutenschlägen drückt man aus, dass man höher gestellt ist als der, der geschlagen wird.

Dass Laman und Lemuel seine Brüder mit der Rute schlug, mag also ein Versuch sein, seine Dominanz über die beiden jüngeren zu beweisen oder wiederherzustellen, nachdem er Nephi bei diesem – aus seiner Sicht – unglücklichen Unterfangen unterstützt hatte.

kam ein Engel des Herrn

Der Herr hätte viele Möglichkeiten gehabt, Laman und Lemuel daran zu hindern, ihre Brüder zu schlagen. Ein Sturmwind oder (wie an anderer Stelle) mehr Kraft für Nephi hätten die Sache erledigen können. Und offensichtlich hinterließ das Erscheinen des Engels keinen bleibenden Eindruck auf Laman und Lemuel, so können wir davon ausgehen, dass der Engel nicht um ihretwillen erschienen ist, sondern eher, um Nephi zu versichern, dass er auf dem richtigen Weg war und das Gebot Gottes, aber auch sein Bund mit Gott, noch immer aufrecht waren.

Gleichzeitig ist dies aber auch der direkte Gegenpol zu Lamans Versuch, seine Vorherrschaft zu beweisen.

Brant Gardner schlägt vor, dass Nephi seinen Brüdern noch nicht gesagt hat, dass der Herr ihn zum Herrscher und Nachfolger Lehis eingesetzt hat. Nach Lehis Tod arbeiteten Laman und Lemuel dann gezielt gegen diese Vorhersage Gottes.

Unter diesem Gesichtspunkt wird die Geschichte von den Messingplatten zu einem Wendepunkt: Nephis Vorherrschaft wird seinen Brüdern hier, am dunkelsten Punkt des Unternehmens, verkündet. Gleichzeitig wird ihnen ihre Frevelhaftigkeit unter die Nase gerieben. Beides Dinge, die nicht geeignet waren, langfristig dafür zu sorgen, dass sie sich demütigen und umkehren.

Wir fühlen uns in dieser Geschichte aber auch ganz stark an die Erzählung von Joseph, dem Sohn Isaaks erinnert: So wie Joseph erfährt Nephi von Gott, dass er über seine Brüder herrschen soll, und wie die Söhne Isaaks sind Lehis Söhne davon alles andere als begeistert.

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1 Nephi 3:25-28

25 Und es begab sich, dass, als Laban unser Eigentum sah, dass es außerordentlich großartig war, es ihn danach gelüstete, und er sandte seine Diener, uns zu erschlagen, dass er unser Eigentum erhalten möge.

26 Und es begab sich, dass wir vor den Dienern Labans flohen, und wir waren gezwungen, unser Eigentum zurück zu lassen, und es fiel in die Hände Labans.

27 Und es begab sich, dass wir in die Wildnis flohen, und die Diener Labans holten uns nicht ein, und wir versteckten uns in einer Höhle im Stein.

28 Und es begab sich, dass Laman mir zürnte, und auch meinem Vater – und ebenso Lemuel, denn er hörte auf die Worte Lamans. Darum sprachen Laman und Lemuel viele harte Dinge gegen uns, ihre jüngeren Brüder, und sie schlugen uns sogar mit einer Rute.

Kommentar

Textvarianten

als Laban unser Eigentum sah, dass

In der 1830 Ausgabe hat der Drucker hier ein „und“ eingefügt, das nicht nur unnötig ist, sondern auch die Satzstruktur stört.

Laman mir zürnte, und auch meinem Vater – und ebenso Lemuel

Skousen empfiehlt einen Bindestrich statt eines Beistriches oder Strichpunktes nach „Vater“, um klar zu machen, dass es sich hier um einen Nebensatz handelt, eine Ergänzung zum zürnenden Laman.

In den verschiedenen Ausgaben ist von der Grammatik her nicht eindeutig, ob Laman auch Lemuel zürnte, oder ob Lemuel auf Lamans Seite stand. Der Zusammenhang erklärt es zwar, aber es gibt auch Varianten, in denen es heißt, dass Laman Lemuel zürnte – was keinen Sinn macht.

Der Bindestrich erhält die ursprüngliche Wortwahl und Grammatik am Besten, während er deutlichere Klarheit gibt.

Struktur

Und es begab sich, dass, als Laban unser Eigentum sah, dass es außerordentlich großartig war, es ihn danach gelüstete, und er sandte seine Diener, uns zu erschlagen, dass er unser Eigentum erhalten möge.

…Und es begab sich, dass wir vor den Dienern Labans flohen,
…und wir waren gezwungen, unser Eigentum zurück zu lassen,
…und es fiel in die Hände Labans.
…Und es begab sich, dass wir in die Wildnis flohen,
…und die Diener Labans holten uns nicht ein,
…und wir versteckten uns in einer Höhle im Stein.
…Und es begab sich, dass Laman mir zürnte,
…und auch meinem Vater
…– und ebenso Lemuel, denn er hörte auf die Worte Lamans.

Darum sprachen Laman und Lemuel viele harte Dinge gegen uns, ihre jüngeren Brüder, und sie schlugen uns sogar mit einer Rute.

Im Hebräischen gibt es keinen Beistrich, und daher sind Aufzählungen immer mit „und“ verbunden. In der Bibel ist dies oft nicht so übersetzt, da das im Deutschen seltsam klingt.

In diesem Falle bindet das „und“ die Geschichte zusammen.

Inhalt

Flohen.. in eine Höhle im Stein

In Jesaja 2:10 werden die Höhlen im Stein erwähnt. Brant Gardner erwähnt (dabei auf George M. Lamsa verweisend), dass die hebräische Phrase „in einen Stein fliehen“ gleichbedeutend ist mit „um sein Leben fliehen“.

Im Jahr 1961 wurde südwestlich von Jerusalem eine Höhle mit Wandmalerei gefunden, die „Khirbet beit Lei“ genannt wurde („Ruine des Hauses des Lei“). Die Ähnlichkeit des Namens „Lei“ zu „Lehi“ zog das Interesse vieler Mitglieder der Kirche auf sich, vorallem, da die Malerei recht grob drei Menschen und zwei Schiffe darstellt, und darunter findet sich die Inschrift:

„Jahwe ist der Gott der ganzen Erde;

Die Berge Judas gehören ihm, dem Gott Jerusalems.“
„Der (Berg) Moria bevorzugt

Das Heim von Jah, Jahwe“

„Jahwe errette uns!“

Die Inschriften wurden auf ungefähr 587 bzw kurz davor datiert.

Frank Moore Cross schreibt dazu:

„Es ist schwer, die Spekulation zu vermeiden, dass Inschrift A [die ersten zwei Zeilen des Textes] ein Zitat einer verlorenen Prophezeiung sei, und dass die sie begleitenden Inschriften von Flüchtlingen … geschrieben worden sind. Viele Dokumente, und besonere Manuskripte und Papyri, die in Höhlen Palästinas gefunden wurden, wurden hinterlassen von Menschen in solchen Umständen. Dies mag auch für diese Wandmalerein gelten. Vielleicht sind die solche Spekulationen auf zu wenig Tatsachen basiert; jedenfalls sollten wir die Versuchung unterdrücken, vorzuschlagen, dass die Prophezeiung und die Fürbitten das Werk eines Propheten und seines Schreibers seien, die aus Jerusalem flohen.“

Die Höhle und Inschrift kann uns als charakteristisch für die Zeit Lehis dienen, und dass damals viele aus Jerusalem und in Höhlen flohen, es handelt sich aber ziemlich sicher nicht um die Höhle, in die die Brüder flohen. Mehr dazu, inklusive Bildern, hier.

Waren zornig

Offensichtlich war Laman bereit, den ersten Schritt zu tun und mit Laban zu reden. Laman und Lemuel ließen sich auch noch zu einem zweiten Versuch überreden. Aber als auch Nephis Versuch fehlgeschlagen waren, hatte sich für die beiden offensichtlich und deutlich gezeigt, dass Lehi und Nephi keine Propheten waren, sondern ihren Einbildungen folgten.

Noch schlimmer wog für sie wohl, dass sie mit dieser Aktion ihr Erbteil verloren hatten – und das, wie sie meinten, nur für die Phantastereien ihres Vaters. Und wieder waren sie gerade noch mit dem nackten Leben davon gekommen.

Die Brüder wollten aufgeben und Sam, vorallem aber Nephi davon überzeugen, dass ein weitere Versuch sinnlos sei. Das Unglaubliche scheint hier nicht zu sein, dass Laman und Lemuel keinen Glauben an die Worte des Vaters hatten, sondern dass sie so weit mitgekommen waren.

sie schlugen uns sogar mit einer Rute

Zwei Brüder schlugen zwei andere Brüder mit einer Rute. Ist die Einzahl hier absichtlich? Oder hat einer zwei Brüder gehalten, während der andere mit einer Rute schlug?

Diese Erzählung scheint wiederum ein Versuch Nephis zu sein, die klaren Fronten zwischen den rechtschaffenen und den schlechten Brüdern aufzuzeigen, genau so wie ein paar Verse später, als er Laman und Lemuel gemeinsam mit gleichen Worten murren lässt.

Ich nehme an, Laman hier wieder der federführende (oder besser: rutenführende) war, während Lemuel ihn „nur“ unterstützt hat.

1 Nephi 3:23,24

23 Und nachdem wir diese Dinge zusammengesammelt hatten, gingen wir wieder hinauf zum Haus Labans.

24 Und es begab sich, dass wir zu Laban hinein gingen, und wünschten von ihm, dass er uns die Aufzeichnungen geben würde, die auf den Messingplatten eingraviert waren, für die wir ihm unser Gold und unser Silber und all unsere kostbaren Dinge geben würden.

25 Und es begab sich, dass, als Laban unser Eigentum sah – dass es außerordentlich großartig -, er danach gelüstete, so sehr, dass er uns ausstieß, und sandte seine Diener, uns zu erschlagen, dass sie unser Eigentum erlangen mögen.

Kommentar

Textvarianten

sah – dass

zwischen diesen beiden Worten fügte der Setzer in der ersten Ausgabe des Buches Mormon irrtümlich ein “und” ein. Dies verändert die Satzstellung. Der Text funktioniert ohne dieses „und“ besser.

Historisches

Dem Beispiel von Brant Gardner folgend möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, daß Hugh Nibley diese Erzählung mit der „Geschichte von Wenamun“ aus Byblos vergleicht, die etwa 500 Jahre vor Lehis Zeit aufgezeichnet ist. Darin geht es um einen ägyptischen Gesandten, der von Zekar Baal, einem Potenaten, etwas ausgehändigt bekommen will. Er geht zu Zekar Baal, der in seiner Kammer sitzt (wie Laban in seinem Haus sitzt) und trägt seine Bitte vor. Zekar Baal wird wütend und beschuldigt ihn, ein Dieb zu sein (Laban beschuldigt Laman, ein Räuber zu sein). Daraufhin weist Wenamon Dokumente vor (Lehis Söhne versuchen es mit Wertgegenständen). Zekar Baal schickt Wenamon fort, angeblich um ihm zu helfen, statt dessen überlässt er den Ägypter dann der Gnade von Piraten.

Technisch gesehen haben die Söhne Lehis wahrscheinlich nicht ein Kaufangebot gemacht – das wäre untypisch für die Zeit und Gegend gewesen – sondern eher versucht, Laban mit Geschenken günstig zu stimmen und das Argument zu entkräften, dass sie Räuber seien. Damit hat sich Laban auch technisch nicht schuldig gemacht, als er die Geschenke ohne Gegenleistung behielt und die Söhne Lehis mit Gewalt vertrieb. Moralisch jedoch wäre er nach nahöstlicher Sitte verpflichtet gewesen, sie gut zu behandeln und ihnen zumindest irgendeinen Gegenwert zu geben.

Nephi zeigt damit, wie er diese Geschichte erzählt, daß Laban nicht nur gegen das Gebot Gottes (erster Versuch, die Platten zu erlangen), sondern auch gegen die guten Sitten, besonders das Gebot der Gastfreundschaft (zweiter Versuch) verstieß, was Nephi nach damaligem Verständnis das Recht gab, ihn zu töten.

1Nephi 3:21,22

21 Und es begab sich, dass ich nach dieser Art der Sprache meine Brüder überzeugte, dass sie glaubenstreu wären im Halten der Gebote Gottes.

22 Und es begab sich, dass wir hinunter gingen in das Land unseres Erbteiles, und wir sammelten unser Gold und unser Silber und unsere kostbaren Dinge.

Kommentar

Parallelismen

Damit ist die gesamte Struktur fertig übersetzt, und wir können sie zusammensetzen.

Somit lasst uns glaubenstreu sein im Halten der Gebote Gottes;

A..deshalb lasst und hinunter in das Land

..a..des Erbteils unseres Vaters gehen,

…..b..denn siehe, er hat Gold und Silber

……..c..und aller Art Reichtümer zurückgelassen.

..B..Und all dies hat er getan wegen des Gebotes.
…….Denn da er wusste, dass Jerusalem zerstört werden musste, wegen der Schlechtigkeit des Volkes –

…….C..denn siehe, sie haben die Worte der Propheten verworfen – darum, wenn mein Vater im Land geblieben wäre,
……….nachdem ihm geboten war, aus dem Land zu fliehen, siehe, er wäre ebenso umgekommen. Darum, es musste
……….notwendigerweise sein, dass er aus dem Land flieht.

………..D..Und siehe, es ist Weisheit in Gott, dass wir diese Aufzeichnungen erlangen sollten, dass wir für unsere Kinder die
…………..Sprache unserer Väter erhalten mögen.

………..D..Und auch, dass wir ihnen die Worte erhalten mögen,

……C..die durch den Mund all der heiligen Propheten gesprochen worden sind, die ihnen durch den Geist und die Macht
……….Gottes übermittelt worden sind, seit die Welt begann, bis zur jetzigen Zeit.

..B..Und es begab sich, dass ich nach dieser Art der Sprache meine Brüder überzeugte, dass sie glaubenstreu wären im
…….Halten der Gebote Gottes.

A..Und es begab sich, dass wir hinunter gingen in das Land

..a..unseres Erbteiles,

…..b..und wir sammelten unser Gold und unser Silber

……..c..und unsere kostbaren Dinge.

Inhaltlich

Bedeutung des Chiasmus/Parallelismus

Man sieht hier schön, dass Nephi wechselt: Zuerst redet er vom Erbland des Vaters, dessen Gold und dessen Silber und Kostbarkeiten, aber zu dem Zeitpunkt, wo es dann tatsächlich darum geht, diese Dinge zu sammeln und herzugeben, da macht er deutlich, dass es sich dabei um sein Erbteil und das seiner Brüder handelt, um sein (und ihr) Gold und Silber, um seine (und ihre) Kostbarkeiten.

Dadurch soll deutlich gemacht werden, dass es ihnen keinesfalls leicht fällt, sich davon zu trennen.

Die zweite Ebene (B) ist das Halten der Gebote. Einerseits wird auf die Treue zu Gott hingewiesen, andererseits darauf, dass es für sie auch Segen bringt, Segen, der kostbarer ist, als das Gold, Silber und die Kostbarkeiten.

Die dritte Ebene (C) weist darauf hin, dass die Juden das Anrecht darauf, die Aufzeichnungen der Prophezeiungen Gottes zu besitzen, verworfen haben, und ist ein Appell an seine Brüder, die Worte der Propheten zu ergreifen und in ihrem Leben groß zu machen.

Und zwar (D) sowohl für sich selbst, als auch ganz besonders für ihre Nachkommen. Die Heiligen Schriften erst gar nicht mitzunehmen wäre die ultimative Methode, um die Worte der Propheten zu verwerfen.

Nach dieser Art der Sprache

Nephi verwendet hier zwar direkte Rede, macht aber mit diesen Worten klar, dass er aus lang vergangener Erinnerung schreibt, was er ungefähr damals gesagt hat.

Geschichtliches

Brant Gardner weist darauf hin, dass Lehis Besitz nicht geplündert worden ist, obwohl er und seine Familie länger schon nicht dort waren. Das lässt darauf schließen, dass er seine Diener dort gelassen hat, um das Land sicher zu stellen.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass Lehis Reichtümer auf dem Land des Erbteiles versteckt waren.

In beiden Fällen hätten Laman und Lemuel aber noch den Eindruck, dass sie jederzeit zu ihrem alten Leben, Reichtum inklusive, zurückkehren könnten.

Aber Nephi überzeugt sie, diesen Reichtum geringer zu schätzen, als die Schriften und ihr eigenes Leben und auf Gott zu vertrauen.

1Nephi 3:19,20

19 Und siehe, es ist Weisheit in Gott, dass wir diese Aufzeichnungen erlangen sollten, dass wir für unsere Kinder die Sprache unserer Väter erhalten mögen.

20 Und auch, dass wir ihnen die Worte erhalten mögen, die durch den Mund all der heiligen Propheten gesprochen worden sind, die ihnen durch den Geist und die Macht Gottes übermittelt worden sind, seit die Welt begann, bis zur jetzigen Zeit.

Kommentar

Inhaltlich

Weisheit in Gott

In der Weisheitsliteratur der Bibel (Hiob, Kohelet, Sprichwörter, Hohelied, Buch der Weisheit, einige Psalmen) wird Weisheit personifiziert. Im frühen Christentum wurde die personifizierte Weisheit mit dem Logos, mit dem Sohn Gottes gleichgesetzt.

Nephi erklärt hier seinen Brüdern, dass es dem Weltlichen Sinn nach zwar völlig unwesentlich sein möge, diese Schriften zu erlangen, aber für jemanden, der dem Geist Gottes nach versteht, ist es wesentlich.

Sprache

Wie Brant S. Gardner in seinem Buch “Second Witness: An Analytical and Contextual Commentary on the Book of Mormon” ausführt, hören wir hier von Nephi erstmals, daß ein Grund, warum die Platten so wichtig waren, darin lag, den Kindern die Sprache zu erhalten. Wenn wir an die Mulekiten denken, so haben diese die Sprache ihrer Väter verloren, und mit der Sprache auch einen Großteil der Kultur und des Glaubens. Und da gerade der Glaube der Grund war, warum die Familie Lehis auswanderte, wäre damit Gottes Absicht zunichte gemacht worden.

Durch den Mund aller heiligen Propheten

Wie wir schon besprochen haben, umfassten die Messingplatten die Schriften der 10 Stämme Israels und waren umfangreicher, als die vorexilischen Schriften im heutigen Alten Testament. Aus diesem Grunde haben die nephitischen Propheten, denen diese Schriften zur Verfügung standen, auch einen deutlich anderen Ton, als das, was die Propheten in Jerusalem ihren Zeitgenossen bringen konnten. Offensichtlich waren sie weit messianischer in ihrer Verkündigung – etwas, das die Tempelpriester und die Schriftgelehrten ablehnten.

1Nephi 3:17,18

17 Denn da er wusste, dass Jerusalem zerstört werden musste, wegen der Schlechtigkeit des Volkes –

18 denn siehe, sie haben die Worte der Propheten verworfen – darum, wenn mein Vater im Land geblieben wäre, nach dem ihm geboten war, aus dem Land zu fliehen, siehe, er wäre ebenso umgekommen. Darum, es musste notwendigerweise sein, dass er aus dem Land flieht.

Kommentar

Textvarianten

Da er wusste… denn siehe

In der 1940 Version wurde “knowing” (wissend) durch “knew“ (er wußte) ersetzt. Man vermutet, dass in der 1830 Version, die ja im Gegensatz zu den Manuskripten Satzzeichen enthielt, die Satzzeichen falsch gesetzt waren. Dadurch wurde „Denn siehe, sie haben die Worte der Propheten verworfen“ zu einem neuen Hauptsatz. Wenn man „denn siehe“ als Nebensatz annimmt, dann ist die Satzstellung so, wie auch in vielen anderen Versen des Buches Mormon.

Inhalt

Lehi als Prophet

Interessanter Weise ist Nephis erstes Argument, dass Lehi ein Prophet ist. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die Juden die anderen Propheten auch verworfen haben, und dass es im Eigeninteresse der Familie wäre, zu fliehen.

Karel van der Toorn, Präsident der Universität Amsterdam, schreibt über diese Zeit in seinem Buch „Scribal Culture and the Making of the Bible“. Er führt aus, dass man damals davon ausging, dass die Zeit der prophetischen Botschaften vorbei wäre. Im Tempel gab es eine eigene Kaste von Schreibern (die Vorgänger der Schriftgelehrten des Neuen Testaments), deren Aufgabe es war, die Worte der Propheten zu bewahren. Es war üblich, dass es eine Abschrift im Tempel gab, und von dieser wurden bei Bedarf Abschriften für verschiedene Bibliotheken gemacht. Es war unüblich, dass Privatpersonen Heilige Schriften hatten.

Wenn die Tempel-Abschrift zerschlissen war, wurde eine neue angefertigt, und bei dieser Gelegenheit wurden auch „Ergänzungen“ vorgenommen. Deswegen ist auch z.B. der Masoretische (hebräische) Text des Buches Jeremia 1/7 länger, als der Text der griechischen Septuaginta und des Jeremia-Buches der Rollen vom Toten Meer.

Ein wesentliches Kriterium für „echte“ Prophetie in dieser Zeit war, dass der Prophet tot war. Lebende Propheten waren suspekt.

Dennoch führt Nephi das als erstes Argument an.

1Nephi 3:16

Somit lasst uns glaubenstreu sein im Halten der Gebote Gottes; deshalb lasst und hinunter in das Land der Erbteils unseres Vaters gehen, denn siehe, er hat Gold und Silber und aller Art Reichtümer zurückgelassen. Und all dies hat er getan wegen des Gebotes.

Kommentar

Textvarianten

Wegen des Gebotes

Der unbekannte Schreiber Nummer 2, der diesen Text im Originalmanuskript geschrieben hat, schrieb „wegen des Gebotes“.

Im Druckermanuskript änderte Oliver Cowdery „Wegen der Gebote des Herrn“. Diese Ergänzung ist zum Textverständnis nicht notwendig.

Statistisch gesehen haben wir im Originalmanuskript viel häufiger „die Gebote“ als „das Gebot“, und wenn in der Einzahl,  finden wir meist „das Gebot des X“. Ansonsten ist „das Gebot“ gefolgt von einem Nebensatz.

„das Gebot“ ohne irgendeine Ergänzungen finden wir sonst nur in 3. Nephi 27:20, wo das Gebot, um das es geht, direkt darauf folgt.

Die aktuelle Schriftstelle jedoch wäre einzigartig, da „das Gebot“ ohne jegliche Ergänzung stehen würde.

Schreiber 2 hat aber auch an anderen Stellen das Abschluß-s, das im Englischen die Mehrzahlendung ist, weggelassen, sodass wir nicht sicher sein können, ob „wegen des Gebotes“ oder „wegen der Gebote“ beabsichtigt war. „Wegen der Gebote“ würde allgemein ausdrücken, dass Reichtum etwas ist, das zurückgelassen werden soll, weil er nicht wesentlich ist, „wegen des Gebotes“ würde dagegen erklären dass Lehi explizit geboten worden war, seine Reichtümer zurück zu lassen (1Nephi 2:4).
Letzteres macht meiner Meinung nach mehr Sinn, und auch Skousen gibt in seinem kritischen Text diese Variante als Empfehlung.

Parallelismus

Mit Vers 16 beginnt eine Struktur, die bis zum Vers 22 geht. Ich werde die ganze Struktur dann im Kommentar zu Vers 22 darlegen.

Inhalt

Das Land des Erbteils unseres Vaters

Dieses Land ist nicht in und um Jerusalem, auch wenn Lehis Haus in der Jerusalemer Neustadt stand. Lehi war, wie wir später noch hören, Mannassit. Und um Lehis Erbland zu erreichen, mussten sein eSöhne von Jerusalem (wo sie zu diesem Zeitpunkt waren) „hinunter“ gehen. Wir wissen nicht genau, wo im Gebiet von Manasse Lehis Erbland war, es ist aber wahrscheinlich, dass Lehi aus der Gegend westlich des Jordan, nördlich von Taffu,  zwischen Tirzah (heute Tel el-Farah) und dem heutigen Jenin stammt, da seine Vorfahren höchst wahrscheinlich mit der zweiten Einwanderungswelle (724 c.Chr.) aus Manasse gekommen sind. Chadwick schließt das aus mehreren Indizien:

  1. Lehi hatte noch ein Land im Stammland von Manasseh. Wären seine Vorfahren mit der ersten Welle – also zur Zeit König Asas (300 Jahre vor Lehi) – zugewandert, hätte er wohl von keinem Erbland mehr gewußt.
  2. Die Zuwanderer der ersten Welle waren Flüchtlinge, aber Manasse und Juda waren zu der Zeit verfeindet. Durch die Flucht nach Jerusalem hätten sie wohl jeden Anspruch auf Erbland verloren.

Nehmen wir dagegen an, dass Lehis Großeltern oder Urgroßeltern der Verschleppung durch die Assyrer entgangen waren, indem sie nach Jerusalem geflüchtet waren, dann ergeben sich diese Probleme nicht. Wir finden in der Bibel nur  wenig über diese Einwanderung, zB. in 2Chron 30:6.

Unter dieser Annahme ist das Land des Erbteils Lehis etwas über 100km von Jerusalem entfernt. Eine Tagesstrecke sind etwa 25km. Der Weg zum Land des Erbteils und zurück dauerte also wahrscheinlich 8 Tage.

Damit wird auch erklärt, wieso Saria später annahm, ihre Söhne seien gestorben, da sie diesen „Umweg“ wohl nicht erwartet hatte.

Gold und Silber und aller Art Reichtümer

Nephi spricht aus dem Wissen von persönlicher Offenbarung. Er weiß, dass sie mit den Platten zurückkehren werden. Er weiß nur noch nicht, wie das Ziel zu erreichen ist, und er sucht nach einer Lösung. Nachdem es nicht möglich war, Laban vom persönlichen Gebot Gottes zu überzeugen, schlägt er nun vor, Geschenke zu machen – etwas, das – wie wir schon gehört haben – damalige Statthalter erwarteten. Nephi wollte nicht die Platten kaufen, sondern durch Geschenke Laban moralisch verpflichten, ihm zu helfen. Als Laban dies ausschließt und die Geschenke behält, bricht er kein Gesetz, auch wenn er gegen die guten Sitten handelt.