Fortführung Kommentar 1Nephi 3:3-12

Absicht

„Die Geschichte von Laban und den Messingplatten ist eine strukturierte Wiederholung von Versuchen und Fehlschlägen, gefolgt von einem endlichen Erfolg. Der Zweck, dies zu berichten, liegt darin, die Wichtigkeit des Erlebnisses zu doumentieren, nicht einfach nur die Fakten widerzugeben“ (Brant Gardner, Second Witness: Analytical and Contextual Commentary on the book of Mormon: Volume 1a – First Nephi 1-11).

Die Geschichte folgt dem biblischen Prinzip der dreifachen Wiederholung mit einer wesentlichen Veränderung beim dritten Mal. Ein Beispiel für dieses Prinzip aus der Bibel findet sich im Konflikt zwischen Ahasja und Elija. (2Könige 1). Die erste Wiederholung weckt im Leser die Erwartung auf das dritte Mal, das die Geschichte zur Vollendung bringt. Andere Beispiele sind das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter oder das Gleichnis von den Talenten.

Zurück zu Nephi. Jeder der drei Teile dieser Geschichte beginnt mit einem Versprechen. Am Anfang steht Nephis „Ich will hingehen und das tun, was der Herr geboten hat“ (1Nephi 3:7). Nach Lamans Versagen folgt „so wahr der Herr lebt und wir leben, wir werden nicht zu unserem Vater in die Wildnis hinabgehen, ehe wir vollbracht haben, was der Herr geboten hat“ (1Nephi 3:15), und als Nephis Brüder vom Engel abgehalten werden Nephi und Sam weiter zu schlagen, folgt „lasst uns glaubenstreu im Halten der Gebote des Herrn sein.“(1Nephi 4:1-2).

Nephi erzählt nicht nur seine Geschichte, sondern er erzählt sie, um Glauben an Gott zu wecken, aber auch, um zu zeigen, wieso er die Familie nach Lehis Tod führt, und nicht einer seiner älteren Brüder.

du sollst begünstigt sein vom Herrn,

Offensichtlich hat Lehi schon mit Nephis Brüdern geredet, bevor er Nephi selbst anspricht. Ebenso offensichtlich haben die Brüder Lehi gar nicht so weit ausreden lassen, bevor sie zu murren begonnen haben.

weil du nicht gemurrt hast.

Sehen wir uns das nochmal aus Lamans und Lemuels Perspektive an. Die beiden haben recht bequem in Jerusalem gewohnt, die Familie war wohlhabend, und die beiden haben sich unter den Juden wohl gefühlt. Plötzlich fängt der Vater an, gegen die religiösen Führer ihrer Zeit zu predigen und sich Feinde zu machen. Und zwar so sehr, dass man ihn umbringen will – was er in einem Traum erfährt. Die Familie muß fliehen und alles zurück lassen. Und kaum sind sie ein paar hundert Kilometer weg, bei der ersten guten Rastmöglichkeit, da träumt der Vater wieder, dass sie zurück gehen sollen und einen Verwandten, der zu den religiösen Führern gehört, die Lehi angegriffen hat, dazu überreden, ihnen das Heiligste und Wertvollste zu überlassen, was er besitzt.

Träume waren damals durchaus als Medium der Offenbarung nicht unbekannt, aber sie wurden gerade auch in dieser Zeit zwiespältig gesehen (Jeremia spricht sehr geringschätzig von prophetischen Träumen, was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass gerade Jeremias Predigen Lehis Offenbarungen ausgelöst haben). Es ist auch interessant, dass Nephi nur selten von Lehis Träumen berichtet, ohne diese auch als Visionen zu qualifizieren.

Es ist auch interessant, daß Nephi in seiner Geschichte seine Brüder nie als Götzendiener, Eidbrecher, Lügner, Entweiher des Sabbats, Säufer, Ehebrecher oder Mißachter der mosaischen Reinheitsgebote darstellt. Sie scheinen strenggläubige Juden (im religiösen Sinne) gewesen zu sein, die, wie ihre Zeitgenossen nach der Reform Joschijas, den Tempel weniger wichtig nahmen, den Buchstaben des Gesetzes über den Geist stellten und die Schrift wichtig nahmen, sich aber mit lebenden Propheten schwer taten.

Nephi beschreibt seine Brüder zwar als mörderisch, dabei scheinen sie es aber nicht sehr ernst zu nehmen. Obwohl sie jahrelang auf ihn wütend sind, verletzen sie ihn kein einziges Mal ernsthaft. Weder steinigen noch erstechen sie ihn. Sie drohen ihm, sie binden ihn, aber das war es auch schon.

Ich will gehen..

Nephi erzählt diese Geschichte, ohne viel von direkter Rede Gebrauch zu machen. Er ist fast ein unbeteiligter Erzähler. Wenn er aber doch jemanden zu Wort kommen lässt, dann hat dies besonderes Gewicht. Besonders in diesem Fall, wo er sein eigenes jüngeres Selbst das erste Mal zu Wort kommen lässt. Er tut dies mit einem lauten Glaubensbekenntnis.

Nephi weiß, obwohl er wohl noch nicht so viel Erfahrung hat, daß der Herr einen Weg bereiten wird. Woher weiß er das? Wir nehmen an, das Wissen ist eine direkte Folge dessen, daß der Herr ihn besucht hat.

Nephi lässt seine Glaubenserklärung nicht einfach stehen, sondern er lässt ihr sofort die Freude Lehis folgen, die prophetische Bestätigung, dass nun auch Lehi weiß, dass Gott Nephi besucht hat.

Und wir warfen Lose

Für uns ist das Werfen von Losen eine Frage des Zufalls. Für die Menschen im altertümlichen Nahen Osten war Gott der Herr über den Zufall. Im alten Arabien war es zB üblich, Pfeile zu nehmen und auf einen zu schreiben: „Gott gebietet“, auf einen anderen „Gott verbietet“ und einen dritten leer zu lassen. Ähnlich, wie beim Strohalme ziehen wurde dann gelost, und was auf dem Pfeil stand, galt als Antwort Gottes.

Auch im Neuen Testament sehen wir das Werfen von Losen als Gottesurteil, als Weg zur Offenbarung (Apg 1:26).

Und es begab sich, das Los fiel auf Laman

Warum ließ Gott zu, dass das Los zuerst auf Laman fiel, der doch scheiterte? Laman war der Erstgeborene. Als solcher hatte er nach seinem Vater die höchste Autorität in der Familie. Die ganze Geschichte zielt aber darauf ab, daß Nephi der Erbe der Autorität Lehis wurde, und das Versagen Lamans untermauert das.

Sicherlich ist Laman nicht einfach zu Laban gegangen und hat gesagt, „Hey, wir bräuchten mal die Platten. Kannst Du sie mir geben?“ Vielmehr wird er versucht haben, Laban zu überzeugen. Vielleicht hoffte er auf eine wundersame Herzenswandlung Labans. Tatsächlich aber hat er wohl Labans Reaktion schon vorher gefürchtet.

Bemerkenswert ist allemal, daß Laman sich nicht weigert, sondern dass er sich demütigt und zu Laban geht. Es ist leicht, ihn für sein Murren zu verurteilen, aber können wir sicher sein, daß wir nicht ähnlich handeln würden? Können wir sicher sein, daß wir unseren Mut zusammennehmen und bei Laban vorstellig werden würden?

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