1Nephi 3:1-2

1 Und es begab sich, daß ich, Nephi, vom Gespräch mit dem Herrn zum Zelt meines Vaters zurückkehrte.

2 Und es begab sich, dass er zu mir sprach und sagte: Sieh, ich habe einen Traum geträumt, in dem der Herr mir geboten hat, dass du und deine Brüder nach Jerusalem zurückkehren sollen.

Kommentar

Sprachlich

Ich habe einen Traum geträumt

Wie schon angemerkt ist das eine typische hebräische Formulierung. Einem Verb wird ein verwandtes Objekt beigestellt: Ich schlug einen Schlag, ich träumte einen Traum, ich sehe eine Vision. Wenn es sich auch hierbei um einen Hebraismus handelt, kann dieser nicht als klarer Beweis für Hebräisch als Originalsprache des Buches Mormon gelten, weil die Übersetzer der King James Bibel diesen Hebraismus auch so übersetzt haben, und es könnte sein, dass diese Form Joseph Smith aus der Bibel vertraut genug war, um sie instinktiv zu verwenden.

Inhalt

Allgemein

Hier beginnt eine der faszinierendsten Geschichten des Buches Mormon. Ich stütze mich in meinem Kommentar auf Grant Hardys Behandlung. Hardy liest den Text und stellt Fragen darüber. Dazu geht er davon aus, dass wir im Buch Mormon drei primäre Erzähler haben: Nephi, Moroni und Mormon. Jeder von ihnen hat eine eigene Stimme, eigene Absichten und eigene Gedanken. Jeder von ihnen fasst andere Quellen zusammen. Ihre Persönlichkeit zeigt sich in der Art und Weise, wie die Texte ausgewählt wurden, wie die Ereignisse präsentiert werden und wozu sie verwendet werden.

Nephi schöpft aus drei Arten von Schriften:

  1. Die Schriften Lehis
  2. Die Messingplatten
  3. Die Großen Platten Nephis

Hätten seine Brüder die Ereignisse genauso geschildert, wie er?  Hätten sie sie so bewertet, wie er? Wahrscheinlich nicht.

Eine Parodie, die die Ereignisse aus Lemuels Sicht beschreibt, beginnt so:

„Ich, Lemuel, der ich von nervigen Eltern geboren wurde, ich wurde darum in meinem Leben viel drangsaliert, nicht nur von meinen Eltern, sondern auch von meinem jüngeren Bruder Nephi und von meinem älteren Bruder Laman, mit dem ich am Besten auskomme. So! Vielleicht geben meine Eltern jetzt Frieden wegen dem Tagebuchschreiben!“

Nephi macht seine kleinen Platten Jahre nach den Ereignissen. Im Gegensatz zum jungen Nephi, über den er schreibt, weiß er schon, daß Laman und Lemuel nicht nur immer wieder gegen das aufbegehrten, was Lehi und Nephi von ihnen wollten, sondern daß es letztlich zur Trennung zwischen den beiden Gruppen und sogar zu Kämpfen zwischen ihnen gekommen war. Und er beschreibt seine Brüder relativ platt. Sie treten immer als Einheit auf. Uneinigkeit zwischen Laman und Lemuel gibt es scheinbar nicht. Und sie sind ganz klar die Bösen.

Wenn man jedoch zwischen den Zeilen liest, so treten da schon Fragen auf. So zum Beispiel murren die zwei andauernd, aber als Lehi sagt, „Wir ziehen in die Wildnis“, da sagen die beiden nicht, „Macht mal, wir bleiben hier“, sondern sie kommen mit. Als Lehi sie nach Jerusalem zurückschickt, gehen sie mit Nephi. Als Laman den Kürzeren zieht und als Erster mit Laban sprechen soll, tut er das. Als sie nochmals zurückgeschickt werden, um Ischmaels Familie zu holen, tun sie auch da mit. Und wir reden da jeweils von 700km Fußmärschen! Als Nephi ein Schiff baut, bauen sie – widerstrebend aber doch – mit. Sie reden zwar dauernd davon, Lehi und Nephi umzubringen, tun es aber nicht. Es ist klar: Nephi schreibt nicht als „liebender Vater“ (wie Lehi es wohl getan hätte), sondern als enttäuschter, geprügelter Bruder. Während Lehi damals noch auf Umkehr seiner Söhne hoffte, wußte der Nephi, der die kleinen Platten schrieb, dass seine Brüder kurz nach dem Tod Lehis so weit sein würden, ihn wirklich umzubringen.

Und in der Art, wie Nephi seine Geschichte präsentiert, stellt er sich selbst wahlweise als Moses und als Joseph dar. Er zeigt uns eine geeinte Front von Lehi und ihm gegenüber seinen älteren Brüdern, doch gerade die Geschichte von den Messingplatten wirft hier auch interessante Fragen auf.

Durch diese Fragen und kritisches Lesen werden wir mehr über die Person Nephi, seine Sorgen und seine Hoffnungen erfahren.

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