1Nephi 2:9-12

9 Und als mein Vater sah, dass die Wasser des Flusses in die Quellen des Roten Meeres mündeten, sprach er zu Laman, indem er sagte: O dass Du sein könntest wie dieser Fluss, der ständig in die Quelle aller Rechtschaffenheit hinein läuft.

10 Und er sprach auch zu Lemuel, indem er sagte: O dass Du sein könntest, wie dieses Tal, fest und standhaft und unverrückbar im Halten der Gebote des Herrn!

11 Nun, dies sprach er wegen der Halsstarrigkeit von Laman und Lemuel, denn siehe, sie murrten tatsächlich in vielen Dingen gegen ihren Vater, weil er ein Mann mit Visionen war und sie aus dem Land Jerusalem geführt hatte, und dazu, das Land ihres Erbteils zurückzulassen, und ihr Gold und ihr Silber und ihre kostbaren Dinge, und um in der Wildnis umzukommen. Und dies, sagten sie, hatte er wegen den törichten Einbildungen seines Herzens getan.

12 Und so murrten Laman und Lemuel, die die ältesten waren, gegen ihren Vater. Und sie murrten, weil sie die Handlungsweisen jenes Gottes nicht verstanden, der sie erschaffen hatte.

Kommentar

Manuskripte

der ständig in die Quelle aller Rechtschaffenheit hinein läuft.

Im Originalmanuskript hat Oliver Cowdery „in die Quelle“ ausgelassen, so dass es ursprünglich hieß: „der ständig in alle Rechtschaffenheit läuft“. Oliver korrigierte das aber sofort und fügte „die Quelle“ über den Text ein. Die Tinte schaut genau gleich aus, daher wissen wir, dass es keine nachträgliche Änderung war.

Die Phrase „Quelle aller Rechtschaffenheit“ findet sich auch an anderen Stellen und bezieht sich immer auf den Messias, zum Beispiel in Ether 8:26 und Ether 12:28.

Und er sprach auch zu Lemuel, indem er sagte

Das „indem er sagte“ hat Oliver beim Kopieren vom Originalmanuskript zum Druckermanuskript ausgelassen. Es handelt sich offensichtlich um ein Versehen, deswegen habe ich es hier mitübersetzt.

Parallelismus

Quellenlied

A sprach er zu Laman, indem er sagte:

B O dass Du sein könntest wie dieser Fluss,

C der ständig in die Quelle aller Rechtschaffenheit hinein läuft.

A Und er sprach auch zu Lemuel, indem er sagte:

B O dass Du sein könntest, wie dieses Tal,

C fest und standhaft und unverrückbar im Halten der Gebote des Herrn!

Chiasmus

A Nun, dies sprach er wegen der Halsstarrigkeit von Laman und Lemuel,

B denn siehe, sie murrten tatsächlich in vielen Dingen gegen ihren Vater,

C weil er ein Mann mit Visionen war

D und sie aus dem Land Jerusalem geführt hatte,

E und dazu, das Land ihres Erbteils zurückzulassen, und ihr Gold und ihr Silber

E und ihre kostbaren Dinge,

D und um in der Wildnis umzukommen.

C Und dies, sagten sie, hatte er wegen den törichten Einbildungen seines Herzens getan.

B Und so murrten Laman und Lemuel, die die ältesten waren, gegen ihren Vater.

A Und sie murrten, weil sie die Handlungsweisen jenes Gottes nicht verstanden, der sie erschaffen hatte.

Dies ist, wie gesagt, eine Wiederholung von Vers 4 und 5. Der Unterschied liegt liegt in den Teilen A und B. Lehi, der am Rat Gottes teilgenommen hat und Gottes Absichten und Handlungsweisen versteht, hört Gottes Gebot und nimmt seine Familie und zieht in die Wildnis. Seine Familie, nämlich die ältesten Söhne, verstehen Gott nicht. Sie sind deshalb halsstarrig (oder ist es ihre Halsstarrigkeit, die sie nicht verstehen lässt?) und murren daher. Das, was Lehi am Wichtigsten ist, das schätzen Laman und Lemuel nicht.

Sonstiges

Mann mit Visionen

Im Englischen steht hier „visionary man“. Tvedtnes weist darauf hin, dass es im Hebräischen zwei unterschiedliche Worte gibt, hôzeh und rôeh, die alle beide üblicher Weise mit „Seher“ übersetzt werden. Er argumentiert, dass das Buch Mormon hier eine Unterscheidung macht, nämlich zwischen „Mann mit Visionen“ (also „Visionär“) und „Seher“.

Inhaltlich

dass die Wasser des Flusses in die Quellen des Roten Meeres mündeten

Die Formulierung, dass ein Fluss in eine Quelle mündet, ist ungewöhnlich. Hugh Nibley erklärt dies damit, dass der ungefähre Ort, wo der Fluss ins Rote Meer mündet, wahrscheinlich am Golf von Akaba ist. Zwei Buchten von zusammen kaum mehr als 8 Kilometern machen diese „Mündung“ aus.

Eine andere Möglichkeit arbeitet Paul Y. Hoskisson aus: In der Weltanschauung des alten Nahen Ostens gab es zwei Wassermassen, nämlich die Ozeane, die Salzwasser hatten, und die unterirdischen Süßwasser. Beide wurden von den Altvorderen als die Quellen von Flüssen und Strömen gesehen! Dabei dachte man nicht an den Kreislauf des Wassers aus Verdunstung, Wolkenbildung und Abregnung, sondern meinte das auf eine Weise, die sich unserem heutigen Denken entzieht.

Ich persönlich halte die Erklärung von Hoskisson für interessant, die von Nibley jedoch für nachvollziehbarer.

Land ihres Erbteils, Gold, Silber, kostbare Dinge

Es ist interessant, dass Nephi hier die gleiche Aufzählung macht, wie schon in Vers 4. Eigentlich wiederholen Laman und Lemuel in Nephis Darstellung die (positiven) Worte, mit denen Nephi seinen Vater und dessen prophetisches Wirken schildert, aber sie geben dem einen negativen Anstrich. Während in Vers 4 die Familie als der größte Schatz geschildert wird, den Lehi nicht zurücklässt, sagen Laman und Lemuel, dass sie den größten Schatz in Jerusalem hatten und wegen ihres Vaters verloren haben.

Unerschütterlich wie ein Tal

Während wir wohl am Ehesten Berge mit unerschütterlich, fest und standhaft verbinden (denken wir auch an die Lieder „O fest wie ein Felsen“ oder „Für der Berge Kraft“), so sieht das für Bewohner der trockenen und sandigen arabischen Halbinsel anders aus: Für sie sind die Täler das Beständige und Unerschütterliche.

Quellenlieder

Wie der Nilus vom Sinai, der im Jahr 430 gestorben ist, schreibt, hatten die Nomaden der arabischen Halbinsel die Angewohnheit, Freudenlieder zu singen, wenn sie auf einen Wasserlauf stießen, denn Wasser bedeutet in der Wüste und Halbwüste Leben. Abu Sakhr, ein Wüstenpoet, schrieb, dass nichts auf der Erde den Menschen so schnell bewegt, Verse zu schreiben, wie ein Blick auf fließendes Wasser und Wildnis. Diese Literaturform nennt man „Quellenlieder“. Und während Laman und Lemuel ihr hartes Los betrauern, lobt Lehi den Herrn mit einem Quellenlied und hofft, seine ältesten Söhne mögen sich zum Herrn bekehren.

Die älteste Form semitischer Verse nennt man saj‘. Es sind dies kurze Erläuterungen und Vorschriften, die mit solcher Eindringlichkeit gesprochen werden, dass sie wie ein kurzes, geistliches Lied empfunden werden, zwingend und verbindlich in ihrem Ausdruck. Sie bestehen aus „einem Vers und direkt darauf seinen Bruder“, wie Ibn Qutayba sagt, also ein strenger Parallelismus.

Wie man sieht, hält sich Lehi an diese Form: Die beiden Ermahnungen an seine Söhne sind strikt parallel, sowohl in den verwendeten Bildern, als auch in ihren Aussagen, gerichtet an den ältesten Sohn und seinen Bruder.

Die früheste arabische Dichtform, die sogenannte qasida, vergleicht die Personen, die der Dichter liebt, mit einem Land „in dem opulente Ströme fließen .. so dass das Wasser jeden Abend dauerhaft über die Ufer tritt“ und in denen der geliebte Mensch aufgefordert wird, so zu sein, wie das Land oder der Strom.

Fluss Laman, Tal Lemuel

Die Beschreibung des Buches Mormon für den Fluss Laman haben wir schon besprochen. Auch für das Tal Lemuel, das diesen Fluss umgibt, erklärt uns das Nephi, dass es wohl ziemlich beeindruckend gewesen sein muss, ein Sinnbild für Unverrückbarkeit und Standfestigkeit. Die Familie Lehis blieb einige Zeit in diesem Tal, und wie wir in 1Nephi 16:11 lesen, konnten sie von dort mit neuem Proviant weiterziehen. Allerdings dürfte das Tal damals nicht besiedelt gewesen sein, was nur möglich ist, wenn es auf dem Landweg nicht leicht zu finden ist. George Potter hat aufgrund der Richtungsangaben und anderen Hinweisen in Nephis Bericht einen möglichen Kandidaten für das Tal Lemuel und den Fluss Laman gefunden: Den Wadi Tayyib al-Ism. In seinem Bericht über diesen Fund hat er auch Fotos des Tales eingebettet.

Laman und Lemuel murrten, weil sie nicht verstanden

Quer durch Nephis Bericht zieht sich der Widerstand der älteren Brüder. Er zeigt sie als seine Gegenspieler. Warum glaubten sie nicht? Der wesentliche Unterschied könnte in der Haltung zu den Juden in Jerusalem gegeben sein. Während Lehi diese Juden klar verurteilte, weil sie nicht auf Propheten hören wollten und sich als rechtschaffen sahen, bestätigen laman und Lemuel die Rechtschaffenheit der Juden und lehnen Lehi als Propheten ab. Nephi sagt sogar, dass sie „wie die Juden zu Jerusalem“ waren. Es ist also möglich, dass Laman und Lemuel zu den radikalen Vertretern dessen gehörten, was die Reform Joschijas gebracht hatte: Mißtrauen gegen die Propheten (erst, wenn das Prophezeite eintrifft, ist ein Prophet glaubwürdig), Ablehnung des Tempelmystizismus, Gesetzesgehorsam (dem Buchstaben nach) über alles. Laman und Lemuel sind also vielleich in erster Linie „nur“ Anhänger der falschen religiösen Strömung unter den Juden, nicht aber generell an Religion nicht interessiert. Sie haben sich dementsprechend „nur“ falschen Traditionen unterworfen, anstatt auf lebende Propheten zu hören.

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