1Nephi 1:9-15

1Ne 1:9 Und es begab sich, dass er einen sah, der herniederstieg mitten aus dem Himmel, und er nahm wahr, dass dessen Glanz heller war als der der Mittagssonne.

1Ne 1:10 Und er sah auch zwölf andere, die ihm folgten, und deren Helligkeit übertraf den der Sterne am Firmament.

1Ne 1:11 Und sie kamen hernieder und gingen aus auf dem Antlitz der Erde; und der Erste kam und stand vor meinem Vater und gab ihm ein Buch und wies ihn an, dass er lese.

1Ne 1:12 Und es begab sich, dass er, als er las, vom Geist des Herrn erfüllt wurde.

1Ne 1:13 Und er las und sprach: Wehe, wehe über Jerusalem; denn ich habe deine Greuel gesehen! Ja, und viele Dinge las mein Vater über Jerusalem—dass es zerstört werden sollte, und seine Einwohner mit ihm; viele sollten durch das Schwert umkommen, und viele sollten gefangen hinweggeführt werden nach Babylon.

1Ne 1:14 Und es begab sich, dass nachdem mein Vater viele große und wunderbare Dinge gelesen und gesehen hatte, rief er vieles zum Herrn, wie etwa: Groß und wunderbar sind deine Werke, o Herr, Gott der Allmächtige! Dein Thron ist hoch in den Himmeln, und deine Macht und Güte und Barmherzigkeit ist über allen Bewohnern der Erde; und weil du voller Barmherzigkeit bist, wirst du nicht zulassen, dass die, die zu dir kommen, zugrunde gehen!

1Ne 1:15 Und nach dieser Weise war die Sprache meines Vaters im Lobpreis seines Gottes; denn seine Seele frohlockte, und sein ganzes Herz war erfüllt wegen der Dinge, die er gesehen hatte, ja, die der Herr ihm gezeigt hatte.

Kommentar

Übersetzung

Und es begab sich, dass er einen sah

Seit der Auflage von 1981 wird das Wort „einen“ mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben, weil es sich bei diesem einen nicht um irgendwen handelt, sondern um Jesus Christus. Ich bin hier beim Original geblieben.

Und

In den Versen 8 bis 15 kommt das Wort „und“ sehr oft vor. Zu oft, um unabsichtlich zu sein. Nephi benutzt dieses Mittel, um der Erzählung eine offizielle Form zu geben. Hier geht es nicht um ein Erscheinen Gottes allein, sondern hier geht es um die Berufung Lehi zum Propheten. Er wird Teil des Rates Gottes und ist einer seiner offiziellen Boten.

Und es begab sich, dass nachdem mein Vater viele große und wunderbare Dinge gelesen und gesehen hatte

Im Originalmanuskript steht hier „nachdem mein Vater gelesen hatte und sah viele große und wunderbare Dinge“. Grammatikalisch ist hier nicht klar, ob das Gelesene und das Gesehene groß und wunderbar war, oder nur das Gesehene.

Chiasmus

In Vers 15 beginnt ein Chiasmus, der bis Vers 18 geht. Diesen werde ich im nächsten Posting behandeln.

Inhaltlicher Kommentar

dass er einen sah, der herniederstieg mitten aus dem Himmel

Aus dem Konzil geht einer hervor, der alle anderen übertrifft. Dieser eine könnte „einer der Engel“ sein, die in Vers 8 erwähnt werden. Da dieser eine aber einen herrlicheren und helleren Glanz hatte, als die Mittagssonne, und da im Alten Testament Gott mit der Sonne verglichen wird (Ps. 80:3, Num 6:25), und da aus christlicher Sicht aus der weiteren Beschreibung ersichtlich ist, dass hier von Jesus gesprochen wird, ist die ganze Beschreibung dazu geeignet klar zu stellen, was das Buch Mormon schon auf der Titelseite sagt: „Jesus ist der Christus, der Ewige Gott, der sich allen Nationen kundtut“. Auch im Glaubensbekenntnis von Nizäa  wird von Christus als demjenigen gesporchen, der „der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist,Mensch geworden ist,“der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist, Mensch geworden ist,..:“

zwölf andere, die ihm folgten Die zwölf, die herabsteigen mit Jesus verstehen wir Christen wohl zu aller Erst als die ersten Apostel Jesu. Für Lehi wären sie wohl Repräsentanten der zwölf Stämme Israels gewesen. Klar ist: Hier kommt der Herrscher Israels mit den Fürsten über Israel. Damit ist auch klar, dass für Lehi der „eine“, der Messias, ganz klar Jahwe/Jehovah ist. Wieder zurück zu den zwölf. Sie sind die hellsten Sterne, bzw. übertreffen sie. Die hellsten Sterne, das können auch die ersten Sterne sein, die man am Abend sieht, oder die, die am Morgen als letzte verschwinden: Die Morgensterne,von denen z.B. in Hiob die Rede ist. Diese waren schon vor der Schöpfung Teil der Ratsversammlung Gottes. Wir sehen hier also schon die erste Erwähnung der Lehre von der Präexistenz und der Vorherordinierung.

und gab ihm ein Buch und wies ihn an, dass er lese Das himmlische Buch ist ein weiteres Bild, das in der Berufung eines Propheten immer wieder beschrieben ist. Für Moses ist das Buch die Gebotstafeln, auf die Gott mit eigenem Finger schreibt (Ex 31:18), Johannes der Offenbarer erhält eine kleine Schriftrolle (Offb 10:8-11), und für Joseph Smith war das Buch aus dem Himmel die Goldenen Platten. Aus dem nahöstlichen Kontext könnte man hier auch noch Mohammed erwähnen, der den Qu’ran, ein himmlisches Buch, ja auch durch einen Engel erhalten haben will. Dieses Buch aus dem Himmel steht für den offiziellen Auftrag des Propheten und bezeugt diesen auch. Dies wird umso mehr dadurch deutlich, dass Lehi das, was er liest, bei nächster Gelegenheit auch predigt.

 Groß und wunderbar sind deine Werke

Lehis Worte hier sind mit dem jüdischen Keduscha verwandt, dem Lobpreis der Engel in Jesaja 6:3 und Ezechiel 3:12. Dass Lehi sich an eine bekannte Vorlage hält (bzw. Nephis Bericht von Lehis Worten), das geht auch daraus hervor, dass Nephi sagt: „Und nach dieser Weise war die Sprache meines Vaters im Lobpreis seines Gottes“.Dieser findet sich in der jüdischen Liturgie ebenso, wie in der katholischen Messe („Sanctus“). Es wird auch das Lied der Engel genannt, die vor dem Thron Gottes lobpreisen. Es ist ein Bestandteil der Berufung von Jesaja und Ezechiel, kommt aber auch in der apokryphen Apokalypse des Abraham 17:3-21 vor, wo der himmlische Vermittler Abraham dieses Lied lehrt.

Zu bedenken ist hier auch, dass „wunderbar“ heute in erster Linie ein Ausdruck dafür, dass wir etwas gut finden. Laut dem Merriam-Webster’s Dictionary von 1828 meinte man damals aber in erster Linie etwas, das schwer oder nicht erklärlich war, also ein Wunder, im Positiven wie im Negativen darstellte. Die Zerstörung Jerusalems erschien den Zeitgenossen Lehis völlig unmöglich, da die Mauern so hoch waren, wie nie zuvor. Nur das Wirken Gottes konnte dazu führen, so meinte man damals, dass Feinde die Stadt einnehmen würden. Und da man sich doch streng an das Gesetz hielt, würde Gott das nicht tun. Dass man aber gerade dadurch dass man an einem „vom Lügengriffel … zur Lüge“ gemachten Gesetz festhielt, Verderben über sich brachte, das erschien unglaublich.

 wirst du nicht zulassen, dass die, die zu dir kommen, zugrunde gehen

Gott lässt nicht zu, dass diejenigen, die zu ihm kommen, zugrunde gehen, aber er lässt zu, dass sie leiden, und das „nicht zugrunde gehen“  meint mehr als „nicht sterben“. Ihrer wird auf ewig gedacht, weil sie ewig Bestand, ebenso wie ihre Nachkommenschaft. Man sollte also aus diesen Worten nicht ableiten, dass die Gläubigen ein Leben ohne große Probleme haben werden.

Weiter…

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3 Gedanken zu “1Nephi 1:9-15

  1. „Da dieser eine aber einen herrlicheren und helleren Glanz hatte, als die Mittagssonne, und da im Alten Testament Gott mit der Sonne verglichen wird (Ps. 80:3, Num 6:25), “
    Ich erkenne in den genannten Stellen noch nicht den von dir erwähnten Angesichtsvergleich mit der Sonne. Es wird im Numeri und im Psalm 80:4 von Angesicht leuchten gesprochen, auch nicht in der KJV.

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  2. Im Lexikon der Bibelwissenschaft findest Du folgende Erklärung: „Die Vorstellung von Jahwe als Sonne dürfte uralte Wurzeln haben (Dtn 33,2.14; Hab 3,11; Ps 84,12), andererseits ist die Solarisierung des Jahweglaubens erst ein Produkt des assyrischen Einflusses in der späten Königszeit (Niehr 1990; Keel / Uehlinger, 1992).“

    Mit „spätere Königszeit“ ist besonders die Reform König Joschijas gemeint. Da gibt’s eine Menge Literatur darüber, zum Beispiel das hier und hier (gemeint sind hier die ganzen Texte, nicht die konkrete Stelle im Buch, die die Links öffnen).

    Es geht dabei nicht darum, daß Gott mit der Sonne gleichgesetzt wird, sondern daß Sonnen-Symbolik auf Gott angewendet wird. Und da das gerade durch die Reform Joschijas zur Zeit Lehis hoch in Mode war, ist Nephis Wortwahl sicher nicht zufällig.

    Hilft das weiter?

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  3. Anmerkung von Jens Curwy vom 18.04.2015 zu 1 Nephi 1:9-15: Gott lässt nicht zu, dass diejenigen, die zu ihm kommen, zugrunde gehen, aber er lässt zu, dass sie leiden, und das “nicht zugrunde gehen” meint mehr als “nicht sterben”. Ihrer wird auf ewig gedacht, weil sie ewig Bestand, ebenso wie ihre Nachkommenschaft. Man sollte also aus diesen Worten nicht ableiten, dass die Gläubigen ein Leben ohne große Probleme haben werden. Niemand hat ja auch gesagt, daß es einfach werden wird. Aber warum lässt Gott uns denn nun leiden? Damit wir demütig werden können und nicht immer in unseren Sünden verharren brauchen. Sünden, die in Gottes Augen Sünden sind. Die Gebote machen uns ja frei und sind nicht die Ketten, von denen man heute oft zu sprechen hört. Aus Schwaches macht er dadurch Starkes. Und wer wäre nicht gerne stark und könnt seiner Zigarettensucht oder anderen Dingen entsagen? Doch wissen wir auch, daß Gott die stärksten Geister in unsere Letzte Evangeliumszeit gesandt hat, damit sie uns helfen, den richtigen Weg zu finden. Propheten, Sehe, Offenbarer, aber auch jeder Bischof einer Gemeinde, Siebziger, Hohe Räte und andere. Wenn wir auf deren rat hören, die ja von Gott berufene Männer sind, dann können wir nicht fehlgehen und brauchen nicht auf anderen Rat zu hören. Deshalb höre ich lieber auf den Rat eines Mannes Gottes, als den Rat eines Mannes, der nicht von Gott geführt wird. Wie hieß es doch so schön? Lass dein Antlitz über uns erscheinen. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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